„Im
Jahre 1913 setzte die Postsparkasse in ihrem für
viele Länder vorbildlichen Scheck- und Clearingverkehr
17 Milliarden um, der Saldierungsverein über
9 Milliarden, die Österreichisch-Ungarische Bank
in ihrem Saldierungsverkehr über 100, sie diskontierte
über 7 Milliarden Wechsel. Hundert Banken mit
über 2 Milliarden an Aktiven und Passiven besaßen
ein Aktienkapital von über 4 Milliarden, die
Genossenschaften von über dreiviertel Milliarden,
die Spareinlagen betrugen 6 Milliarden, Banknoten
liefen 2 1/2 Milliarden um, und nur 2 Milliarden betrug
der Münzumlauf, von dem überdies die Hälfte
im Metallschatz dem Verkehr entzogen war, ein Zeichen,
wie sehr die Münze im Geldverkehr in den Hintergrund
getreten war: 60.000 kg Gold gegen 5000 kg Silber
des Lösegeldes von Richard Löwenherz.
Die ersten Erscheinungen auf dem Gebiet des Geldwesens
nach dem Ersten Weltkrieg waren die Inflation, der
Ersatz der Gold- und Silbermünzen, dann auch
der Kupfer- und Nickelmünzen durch eisernes und
papierenes Notgeld, das ungeheure Anschwellen des
Notenumlaufes und der Staatsschulden, bis in der Nachkriegszeit
der völlige Zusammenbruch der öffentlichen
Finanzen erfolgte mit der Entwertung 1:14.400, die
sich allerdings gegenüber der deutschen Katastrophe
von 1:1 Billion bescheiden ausnimmt, aber ebenfalls
an die Grenzen der Vernichtung führte."
Soweit August Loehr in seiner 1946 erschienenen "Österreichischen
Geldgeschichte".
Vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund erschienen
gleich nach Kriegsende die ersten Notgeldausgaben:
Wiener Neustadt am 15. 11. 1918, Wien am 4. 10. 1919
(dem Bedarf entsprechend in hoher Auflage), Stockerau
am 3. 12. und die Marktgemeinde Haag am 20. 12. 1919;
es folgten Amstetten, Waidhofen a. d. Ybbs und Waidhofen
a. d. Thaya am 1. 1. 1920, Krems am 23. 1. und Langenlois
am 22. 2. 1920.
Der Anstoß dazu kam von Deutschland, wo Notgeld
seit 1914 im Umlauf war und bald auch fleißig
gesammelt wurde. Daß echte Kleingeldnot diese
Maßnahmen notwendig machte und man nicht bloß
mit den Sammlern spekulierte, darauf wurde bereits
hingewiesen. Um dies zu verdeutlichen, sei hier das
sogenannte Privatgeld vorweggenommen, das häufig
auch schon etwas früher als die Scheine der Gemeinden
in Umlauf kam. Zahlreiche Kaufleute - Greißler,
Bäcker, Fleischhauer, Gastwirte, auch Konsumgesellschaften,
Fabriken, Vereine und Parteiorganisationen gaben Gutscheine
zu 5, 10, 20 und 50 Heller - auch darüber oder
darunter, selten aber in Kronenwerten - aus. Diese
Gutscheine waren oft nur Papierzettel oder Kartonplättchen,
auf denen der Firmenstempel und, handschriftlich oder
gestempelt, der Wert aufschien. Auf der Rückseite
zerschnittener Lebensmittelkarten wurde mit Typendruck,
Stempel und Unterschrift der Wert des schuldig gebliebenen
Wechselgeldes ebenso vermerkt wie auf Badekupons,
Feldpost- und Ansichtskarten. Maria Ehrenstrasser
in Altenburg zum Beispiel schrieb ihren Kunden 10
h und 50 h auf Leder und Zigarettenkarton gut, Franz
Weinhofer in St. Polten 10, 20 und 50 h auf dünnen
Holzplättchen.

Die
ersten Gutscheine bestanden nicht selten aus Kartonplättchen
oder zerschnittenen Lebensmittelkarten
Der Leiter der Zahlstelle des Technischen Bataillons
Nr. 2 in Korneuburg behalf sich mit hektographierten
handschriftlichen Zetteln, die Geymüllersche
Gutsverwaltung in Hollenburg versah ihre 10-, 20-und
50-Heller-Gutscheine mit drei Stempeln der Her¬rschaft
und einem Langstempel, und dort auch stempelte die
Postmeisterin Henriette Madiener ihre handschriftlichen
Zettel mit dem offiziellen Postsiegel!
Von den insgesamt 124 niederösterreichischen
Privatausgaben sind gut die Hälfte der Not entsprungen.
In ihrer bescheidenen Aufmachung boten sie zunächst
keinen Anreiz zum Sammeln, sondern wurden von der
Kundschaft aufbewahrt und zum jeweiligen Zeitpunkt
in größerer Menge beim Ausgeber wieder
in gesetzliche Zahlungsmittel umgetauscht. Diese Privatausgaben
sind heute ganz besondere Raritäten, die pro
Stück bzw. Serie bis zu 1000
S und darüber gehandelt werden.
Erst als die recht ansprechenden Serien der Gemeinden
herauskamen, entschlossen sich viele Private zu einer
gefälligeren, ja oft sehr hübschen Gestaltung
ihrer Ausgaben schon wegen der Sammler. Serien, die
nur mehr an Sammler ausgegeben wurden und nicht mehr
eingelöst werden konnten, erschienen ab der Mitte
des Jahres 1920. Sie kennzeichneten Aufschriften wie
„Nur für Sammler" oder „Spende
für . . ., wird nicht eingelöst". Ihre
Ausgabe fiel ja auch schon unter das Verbot des Staatsamtes
für
Finanzen, weiteres Notgeld aufzulegen.

Von den insgesamt 124 niederösterreichischen
Privatausgaben
entsprang gut die Hälfte tatsächlich der
Kleingeldnot, bot doch
ihre bescheidene Aufmachung zunächst keinen Anreiz
zum
Sammeln

Gedruckte Privatausgaben gab es nicht nur in größeren
Märkten und Städten, wie dieses Beispiel
aus Kapelln zeigt
Solche
gedruckte Privatausgaben gab es sowohl in so kleinen
Orten wie Etzerstetten (heute Gemeinde Wolfpassing,
Bez. Scheibbs) beim Kaufmann Johann Adelsberger, in
Fahrafeld (heute Gemeinde Kasten bei Böheimkirchen)
bei den Kaufleuten Hitsch, Wagner, Schwarzwallner
und Glaser, oder Kapelln beim Kaufmann H. Kaiser,
wo die Gemeinde erst gar keine Kassenscheine ausgab,
wie auch in mittleren und großen Märkten
und Städten neben dem Notgeld der Gemeinden.
In manchen Orten folgte ein Wirtschaftstreibender
dem anderen, so daß bald jedes Geschäft
in der Gasse sein eigenes Notgeld hatte. In Gresten,
Purgstall und St. Pölten kursierten je sieben
Privatausgaben, in Pottenbrunn gar dreizehn.
Daß bei soviel Privatinitiative die Gemeinden
oft nicht bereit waren, den „Markt" mit
den Kaufleuten zu teilen, sei am folgenden Beispiel
verdeutlicht: Am 5. 4. 1920 beschloß die Marktgemeinde
Erlauf nicht nur eigenes Notgeld auszugeben, sondern
verpflichtete die Kaufleute Weiner, Teufl und Fendt,
die schon zuvor gemeinsame Scheine hatten drucken
lassen, „das betreffende Notgeld vierwöchentlich
zu kündigen, und zwar am 15. 4. 1920, so daß
es am 1 5. 5. die Gültigkeit verliert".
Von diesen drei Erlaufer Kaufleuten war Weinert Jude,
die beiden anderen „arische" Bürger.
In Erlauf war es damals offenbar noch möglich,
daß „Arier" und Juden zu gemeinsamen
Aktionen fanden, was sich vom nahen Ybbs gewiß
nicht behaupten ließ. Dort nämlich trat
am 4. Juli der „Antisemitenbund" zur konstituierenden
Versammlung zusammen, eine „Schutz- und Trutzburg
mehr", wie der „Erlaftal-Bote" verkündete,
nachdem in Amstetten schon seit 16. April 10-, 20-
und 50-Heller-Spenden-Scheine des Schutzvereines „Antisemitenbund"
in Umlauf waren.
Zur selben Zeit brachte die Metallwarenfabrik Krupp
in Berndorf eine 50-Heller-Münze und die Consum-Anstalt
des Werkes eine Kronenmünze heraus, zwei der
ganz wenigen Notgeldmünzen dieser Zeit.
Auch kirchliche Institutionen beteiligten sich am
Notgeld-„Boom". So hoffte der Kirchenbauverein
Ertl, Bez. Amstetten, daraus zusätzliche Einnahmen
zu gewinnen, in Hollenburg wiederum gab es 3-Kronen-Spendenscheine
für die Wetterkreuzkirche, die Pfarrgemeinde
Kilb schwang sich gar zu drei Auflagen auf, obwohl
die Gemeinde eigenes Notgeld ausgab, und löste
sie in ihrem Namen bei der „Sparkasse für
Kilb und Umgebung" ein, während die Pfarre
Süßenbach ihre handgeschriebenen Gutscheine
zu 25 h und 50 h von vornherein nur für je eine
Still- bzw. Segenmesse festlegte. Für die Ausgabe
von 20- und 50-Heller-Scheinen des Kellerstüberls
Göttweig zeichnete P. Ludwig Koller verantwortlich,
für die Gutscheine des Stiftskelleramtes Lilienfeld,
für deren Bilderschmuck wie bei den Scheinen
der Marktgemeinde Fotografien verwendet wurden, Stiftskellermeister
P. Lambert Studeny und Abt Justin Panschab.

10 Heller-Spendenschein des Schutzvereins „Antisemitenbund“
Amstetten

Auch
kirchliche Institutionen beteiligten sich am Notgeld-Boom:
Scheine des Kirchenbauvereins Ertl, der Pfarrgemeinde
Kilb und des Stiftes Göttweig

Für
den Bilderschmuck der Gutscheine des Stiftskelleramtes
Lilienfeld wurden wie beim Notgeld der Marktgemeinde
Fotografien verwendet
Überhaupt ließen die Gaststätten es
diesbezüglich nicht an Eifer fehlen. In Herzogenburg
und Wöllersdorf zum Beispiel legten die Bahnhofsrestaurationen
Notgeld auf, die Inhaberin des Cafe „Stadtpark"
in Krems, Paula Pöschl, „unterzeichnete"
ihre Gutschriften zusätzlich zur Unterschrift
noch mit einem Fingerabdruck. Im vielbesuchten Wallfahrtsort
Maria Taferl gestalteten der Gastwirt Alois Feyertag
und der Kaufmann Josef Thalhammer ihr gemeinsames
Notgeld in Anlehnung an die traditionellen Andachtsbildchen
und nach dem Motto: „In Maria Taferl hab ich
an Dich gedacht - und Dir dies Bildchen mitgebracht."
Die Scheine des Gastwirtes J. Weber in Oberndorf in
der Ebene (heute Herzogenburg) zeigen das Gasthaus
im typischen Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts,
der Hotelier Franz Pittner in St. Pölten verwendete
seine Gutscheine zugleich als Visitkarten, und der
Fleischhauer und Wirt Ignaz Schreiner in St. Oswald
zeigt seine eigene, urige Figur im Weinkeller und
zitiert auf der Rückseite seines 50-Heller-Scheines
den Leibspruch seines Vaters
Frisch
außa, wia's drinn is,
net kriachn am Bauch;
ins G'sicht schaun und d'Hand geb'n
is Waldviertier Brauch.
Die
Federzeichnung auf diesem Schein stammt von dem damals
ganz jungen Zeichenlehrer Friedrich Grausgruber, der
sich später in Scheibbs niederließ und
bis in die späten sechziger Jahre seine Wahlheimat
in unzähligen Holzschnitten, Radierungen, Kupferstichen
und Federzeichnungen festhielt.

Der Kaufmann Josef Thalhammer und der Wirt Alois
Feyertag aus Maria Taferl gestalteten ihr gemeinsames
Notgeld in Anlehnung an die traditionellen Andachtsbildchen
des Wallfahrtsortes

Der
St. Pöltner Hotelier Franz Pittner verwendete
seine Gutscheine zugleich als Visitenkarte

Die Federzeichnung des 50-Heller-Scheines des
Gastwirts Ignaz Schreiner in St. Oswald stammt von
Friedrich Grausgruber. Von ihm kennt man noch andere
Notgeldentwürfe des Waldviertels und auch der
Wachau

Als Motiv stets beliebt waren Ansichten des Heimatortes,
wie auf diesem Schein des Türnitzer Kaufmanns
Kalmann
Von
ihm kennt man noch andere Notgeldentwürfe des
Waldviertels, auch der Wachau. Der Türnitzer
Kaufmann Siegmund Kalmann verzierte seine Gutscheine
mit Ansichten seines Heimatortes; auf dem 50-Heller-Schein
(Rückseite) gibt er sich zuversichtlich:
Wenn
einstens es wird besser
Und verschwinden Not und Pein
Wird's auch das letzte Ende
Der Gutscheinmode sein.
Von
den bereits erwähnten Krupp-Werken abgesehen,
ließen an Industriebetrieben die Präzisions-Bolzen
G.m.b.H. in Melk und das Ziegelwerk Stronsdorf eigenes
Geld drucken, auch die nö. Kleintierzucht- und
Wirtschafts-Genossenschaft m. b. H. in Wieselburg
und das Kino dort folgten diesem Beispiel.
Bessern heute Kränzchen, Heurigenabende und Sammlungen
die Finanzen der Vereine auf, so war 1920 das Notgeld
dafür das geeignete Mittel. Der Melker Turnrat,
der „Antisemitenbund Amstetten", die „Deutsch
nationalsozialistische Arbeiterpartei" in St.
Pölten und der „Deutschvölkische Verband"
des Viertels ober dem Wienerwald seien als Beispiele
angeführt.
Banken, wie die Hainburger Gewerbekasse und die Sparkasse
Kilb, beteiligten sich ebenso an diesem Boom wie die
Zeitungen und Druckereien.

Notgeld
aus Wieselburg an der Erlauf

Gutscheine
des Melker Turnrates und der Gewerbekasse Hainburg
Die
„Mödlinger Nachrichten" legten Scheine
in Zehnerwerten gleich bis 90 h auf; bescheidener
gaben sich da die Buchdruckerei in Ybbs und die Preßvereinsdruckerei
Eggenburg mit einer Auflage von 10-, 20-, und 50-Heller-Scheinen;
hingegen stieg die Druckerei in Herzogenburg ganz
groß ein: vier Auflagen mit mehr als 50 Varianten,
was Aufmachung, Unterdruck, bildliche Darstellungen
und Schriftbild betrifft !
Für das hilflose und sieche Alter war der „Verein
der Hauskrankenpflege" eine segensreiche Einrichtung,
wenn auch nicht frei von Eigennutz, hoffte doch die
Ortsgruppe Perchtoldsdorf - zu Recht übrigens
- ihre nicht einlösbaren Schatzscheine an den
Mann, sprich: an den Sammler, zu bringen. Ebenso war
das Notgeld der Lungenheilanstalt Steinklamm von allem
Anfang an als Spende gedacht: „Eine Einlösung
findet nicht statt, da jede Bedeckung fehlt",
weist die humorige Legende auf. Der Nachsatz „Im
Interesse aller NOTGELD-Sammler wird die Nachahmung
tödlich bestraft" und die Abbildung von
„Tuberkel-Bazillen im Auswurf mögen unter
dem Eindruck der damals grassierenden Lungen-Tbc eher
makaber gewirkt haben.
In Haag versuchte die „Bürger- und Ständevereinigung"
den geplanten Umbau des Jubiläums-Versorgungshauses
in eine Bürgerschule mit Spendenscheinen im „Wert"
von einer Krone zu finanzieren, und in Steinakirchen
am Forst gab der „Zweckverband der Gemeinden
des Schulsprengels" 10-, 30- und 60-Heller-Scheine
aus.

Privatnotgeld der Buchdruckerei in Herzogenburg,
50 Heller

Von
Anfang an als Spende gedacht war das Notgeld des Vereins
der Hauskrankenpflege Perchtoldsdorf und der Lungenheilanstalt
Steinklamm
Aus der Verlegenheit, der Kundschaft nicht herausgeben
zu können, ist bald ein einträgliches Geschäft
geworden; lupenrein war es meist nicht. Denn alle
diese privaten Herausgeber - auch so manche Gemeinde
- handelten am Rande der Legalität, sobald ihre
Gutscheine den Charakter von Banknoten hatten. Die
Ausgabe von Notgeld bedurfte nämlich der ausdrücklichen
Bewilligung des Staatsamtes für Finanzen; sie
wurde in der Regel nur den Gemeinden erteilt.
Entschloß sich eine Gemeinde, Notgeld drucken
zu lassen, so mußte diesbezüglich ein Gemeinderatsbeschluß
gefaßt werden, man legte die Höhe der Auflagen
und deren Gesamtwert fest und bestimmte einen Bevollmächtigten
oder einen Ausschuß, der die Aufgabe hatte,
den Druck zu organisieren. Die meisten Beschlüsse
dieser Art erfolgten zwischen Jänner und April
1920.
Aus welch unterschiedlichen Motiven Notgeld aufgelegt
wurde, zeigen die Gemeinderatsprotokolle aus dieser
Zeit. So steht im Protokoll der 9. Scheibbser Gemeinderatssitzung,
abgehalten am 1 3. Februar, vier Uhr nachmittags,
in zügiger Kurrentschrift zu lesen:
„Pkt. XVII - Beschlußfassung wegen Ausgabe
eines Notgeldes. Beschließt der Gemeinderat
infolge des eminenten Mangels an Kleingeld die Ausgabe
eines Notgeldes für das Ortsgebiet Scheibbs,
und zwar die Auflage von 10-h-Scheinen im Betrage
von K 10.000, von 20-h-Scheinen im Betrage von K 10.000
und 50-h-Scheinen im Betrag von K 5.000.

Spendenscheine
der „Bürger- und Ständevereinigung“
Haag und des „Zweckverbandes der Gemeinden des
Schulsprengels“ Steinakirchen am Forst

20-Heller-Schein
und Druckstock der Marktgemeinde Scheibbs
Der
Gemeinderat nimmt die gleichzeitig vorgelegten Klischees
dieses Notgeldes genehmigend zur Kenntnis. Es wird
sohin beschlossen, die fertigen Kassenscheine dem
Herrn Kassier Alois Weidinger zur Aufbewahrung zu
übergeben und die Inverkehrsetzung auszuführen,
der sohin das Geld für die ausgegebenen Kassenscheine
sofort in ein Sparkassenbuch auf den Namen der Marktgemeinde
Scheibbs einzulegen hat, damit für die seinerzeitige
Einlösung der Scheine die Geldmittel zur Verfügung
gestellt werden können."
Um die Drucklegung brauchte man sich in Scheibbs jedenfalls
keine Sorgen zu machen, war doch der Bürgermeister
zugleich auch Inhaber der Druckerei Rudolf & Fritz
Radinger.
Feine Fäden zur Ortsdruckerei spann auch die
Gemeinde Tulln. Ein Gemeinderat Goldmann war beauftragt
worden, in Wien Offerte für die erste Notgeldauflage
einzuholen und die Profitchancen zu erkunden. Seine
Erhebungen ergaben einen Kostenaufwand von 20.000
K und einen Gewinn von 2 5 Prozent für die Gemeinde.
Der Gemeinderat beschloß hierauf die Ausgabe
von Kassenscheinen „im Betrage 100.000 K mit
6monatiger Laufzeit'. Die Ausführung wird dem
Finanzausschuß übertragen. Im Verwaltungsakt
„Notgeld" der Gemeinde Tulln scheint aber
eine Faktura der Buchdruckerei Ferdinand Goldmann
über 10400 K auf, also erheblich weniger als
das Wiener Offert veranschlagte, und die Anweisung
einer Prämie von 2000 K für den Entwurf
der zweiten Auflage an Herrn Severin Goldmann!

Die
ominöse Faktura der Buchdruckerei Ferdinand Goldmann
an die Gemeinde Tulln
Im übrigen ersuchte die Stadtgemeinde Tulln die
Horner Stadtväter um Zusendung des Horner Notgeldes
und um entsprechende Mitteilung bezüglich der
Herstellungs¬modalitäten. Auch in Ybbsitz
beantragte der Bürgermeister in der Gemeinderatssitzung
vom 31. 1. 1920, „sich vorher mit der Stadtgemeinde
Waidhofen (a. d. Ybbs) ins Einvernehmen zu setzen,
da dieselbe jetzt die Anschaffung von Notgeld in die
Hand nimmt, um von dort die nötigen Aufklärungen
zu erhalten. - Wird angenommen."
Aus diesem Protokoll erfährt man auch das Motiv
der Ybbsitzer, eigenes Notgeld drucken zulassen:
„In einem Schreiben der Firma Prietzl in Steyr
werden der Gemeinde Ybbsitz Kleingeldscheine zur Bestellung
offeriert. - Da nun die Gemeinde um solche nicht geschrieben
hat, aber trotzdem die Beschaffung von Notgeld im
Interesse der Bevölkerung nicht fallen lassen
will, ..."
Die Druckereien halfen also ein wenig nach, sie nützten
eben ihre Chance, in so schlimmer Krisenzeit ein gutes
und im Grunde unverhofftes Geschäft zu machen
.
Aus dem Protokoll der Gemeinderatssitzung von Traismauer
vom 17. 3. 1920 geht unter Punkt V „Notgeldausgabe"
ein anderer Beweggrund hervor:
„Der Vorsitzende bringt drei Schreiben von Sammlern,
welche um Zusendung von Notgeld der Gemeinde Traismauer
ansuchen und Geldbeträge hiefür beigelegt
haben, zur Kenntnis und drückt die Ansicht aus,
daß die Einführung von Notgeld der Gemeinde
Gewinn bringen könne, da vermutlich die Hälfte
nicht eingelöst werden wird. . . .
Herr Kassier L. Zagiczek hält den Zeitpunkt für
die Ausgabe von Notgeld schon zu spät und befürchtet
ein Defizit, da die Kosten für die Drucksorten
seit dem Vorjahr bedeutend gestiegen sind, und verspricht
sich von der angeregten Notgeld-Ausgabe keinen Erfolg.
Es wird beschlossen, sich vorerst über die Gestehungskosten
solcher Kassenscheine bei einer größeren
Druckerei in Wien zu erkundigen."
Den Auftrag erhielt dann die Wiener Druckerei Gruberner
& Hierhammer, eine Firma, die sonst für keine
Gemeinde Niederösterreichs Notgeld druckte. Die
Befürchtungen des Kassiers Zagiczek waren nicht
unbegründet, wie Beispiele aus anderen Gemeinden
zeigen, als die Notgeldepidemie von Staats wegen eingedämmt
wurde, auf Traismauer aber trafen sie nicht zu. Am
29. September 1921 lagen als Erlös aus nur zwei
Serien 41.000 K in der Kassa . . .
Die Flut von Notgeld, die vor allem in der ersten
Hälfte des Jahres 1920 über das Land hereinbrach,
war in der Tat gewaltig. Eine Gemeinde wollte es der
anderen gleichtun, zudem versuchte man sich in den
Folgeauflagen auch in künstlerischer Hinsicht
zu übertreffen. Bald schon zeichnete sich das
gute Geschäft mit den Sammlern ab, Anlaß
genug, die neuen Scheine in den Lokalblättern
anzupreisen. So berichtet der „Erlaftal-Bote"
vom 30. Mai 1920 zur Notgeldsituation in Lunz:

Marktgemeinde
Traismauer, 20 Heller / Gemeinde Bischofstetten, 10
Heller
„Die Gemeinde Lunz am See gibt zur Behebung
des Kleingeldmangels um 64.000 Kronen Gutscheine zu
50, 20 und 10 Heller heraus. Die Scheine haben die
ungefähre Größe des Pöchlarner
Notgeldes und weisen ein Bild des Lunzer Sees mit
dem Scheiblingstein, seitlich begrenzt von Enzian
und Edelweiß, auf. Die Gutscheine zu 50 und
20 Heller tragen je einen Spruch. Der künstlerische
Entwurfstammt vom hiesigen Lehrer Herrn Emmerich Diemberger.
Das Gemeinde-Amt nimmt Bestellungen auf Notgeld entgegen."
Und in derselben Ausgabe:
„Bischofstetten (Notgeld): Die Gemeinde-Vertretung
Bischofstetten hat zur Linderung der Kleingeldnot
Gutscheine in künstlerischer Ausführung
zu 10, 20 und 50 Heller ausgegeben, die gegen Einsendung
von 2 K zugeschickt werden."
Erlaftal-Bote, 13. Juni 1920:
„Aus dem Pielachtal (Notgeld): Die Gemeinde
Frankenfels an der Mariazellerbahn gibt Kassenscheine
zu 10, 20 und 50 Heller in künstlerischer Ausführung
aus. Die Scheine sind mit den Aufnahmen der Feste
Weißenburg 1672, Ruine Weißenburg 1919
und der Markgemeinde Frankenfels mit den Falkensteinmauern
versehen. Die P. T. Sammler wollen ihre Bestellungen
beim Gemeindeamt, wo schon massenhaft Bestellungen
aufliegen, einbringen."
Auf Seite 5 der Ausgabe des „Erlaftal-Boten"
vom 13. Juni 1920 findet sich auch ein ausführlicher
Bericht über das Notgeld der Stadt Mödling,
der wegen der interessanten Einzelheiten trotz seiner
Länge zur Gänze wiedergegeben werden soll.

Am 27. Juni 1920 berichtete der „Erlaftal-Bote"
von den Notgeldausgaben der Gemeinden St. Georgen/Leys
und Texing sowie von der Serie des Wieselburger Kleintierzüchterverbandes,
am 18. Juli wird die Verlängerung der Laufzeit
der Scheibbser Scheine und die Ausgabe der Scheine
des Melker Turnvereines verlautbart.
Welche Blüten das Notgeldgeschäft bereits
trieb, zeigt folgende Passage aus dem „Erlaftal-Boten"
gleichen Datums:
„Notgeldsammler erhalten von der Buchdruckerei
F. Kielar in Amstetten, N.Oe die neuerschienenen,
nach mannigfaltigen Entwürfen in Buchdruck sauber
hergestellten 35 kompl. Serien (darunter eine Farbenkunstdruckserie)
von 35 Gemeinden der polit. Bezirke Amstetten und
Melk, gegen Einsendung von 42 Kronen franko rekommandiert
prompt zugesandt.
Den 5O-Heller-Schein der Stadtgemeinde Mödling
ziert die St.-Othmar-Kirche mit dem Karner. Das Mödlinger
Stadtgeld, vom Landschaftsmaler Raimund Wild entworfen,
zählt zweifellos zu den schönsten Notgeldausgaben
Niederösterreichs
Adresse
und Bestellung wollen gleich am Abschnitt der Postanweisung
deutlich angegeben werden. (Großabnehmer Rabatt)."
Am 1. August erscheint zur Überraschung aller
ein Artikel über die „Gefahren der unbefugten
Ausgabe von Notgeld seitens der Gemeinden oder Privater",
in dem darauf hingewiesen wird, daß ohne Bewilligung
des Staatsamtes für Finanzen nicht nur die Ausgabe
von Notgeld verboten sei, sondern auch die Vorbereitung
dazu, und geahndet werde mit der Vernichtung der Geldscheine;
den Druckereien aber drohe die Konfiskation der hiefür
erforderlichen Maschinen und Konzessionsentzug. Zugleich
wird zur Kenntnis gebracht, daß ab sofort eine
Bewilligung zur Ausgabe von Notgeld nicht mehr erteilt
würde.
Den Hintergrund für diese Maßnahme konnte
man schon seit 4. Juli, als die Ausgabe des Landesnotgeldes
angekündigt wurde, welches ,,in ganz Niederösterreich,
daher auch in Wien, Giltigkeit hat und bei allen öffentlichen
Ämtern und Kassen angenommen wird. Die Einlösung
der Kassenscheine erfolgt Ende des Jahres 1920. .
. u. gelangt beim n. ö. Landes-Obereinnehmeamte
in Wien I. Bez., Herrengasse 1 3, zur Ausgabe. Bei
diesem Amte kann das Landes-Notgeld gegen Erlag des
entsprechenden Bargeldbetrages behoben werden".
Mit diesem Erlaß vom 11. Juni 1920, ZI. 767/6
-XIV/260 wollte das Land Niederösterreich seinen
Gemeinden sicher nicht bloß das Geschäft
verderben. Im Rundschreiben des n. ö. Landesrates
vom 1. Juli 1920, ZI. 812/13 - XIV/260 an alle Gemeindevorstände
heißt es:

Das
Landesnotgeld …

… und seine Folgen
„Die
Ausgabe von Notgeld seitens der einzelnen Gemeinden
hat eine Reihe bedenklicher Folgeerscheinungen gezeitigt.
Im allgemeinen wirkt die Unzahl der Ausgaben verwirrend
auf den Geldmarkt und schädigend auf die Valuta,
im besonderen führt der enge Geltungsbereich
dieser Wertzeichen, zumal dieselben von den öffentlichen
Ämtern und Kassen nicht an Zahlungs Statt angenommen
werden dürfen, zu Unzukömmlichkeiten im
örtlichen und vornehmlich im Durchzugsverkehr.
Hiezu kommt noch der Umstand, daß hiedurch bedeutende
Mengen von Papier, welches gegenwärtig unseren
wertvollsten Ausfuhrartikel darstellt, dem Kompensationsverkehr
mit dem Auslande entzogen und Zwecken der Spekulation
und der Sammelwut zugeführt werden . . ."
Man hätte nun annehmen müssen, daß
nun die vielen und vielerlei Geldscheine durch die
landeseigenen und einheitlichen Kassenscheine abgelöst
würden. Doch ganz so rigoros wurde die neue Bestimmung
nicht eingehalten. Das Rundschreiben der Bezirkshauptmannschaft
Tulln vom 10. August „An alle Herren Bürgermeister"
konzediert jenen Gemeinden, die eine Bewilligung zur
Ausgabe von Notgeld besitzen, es ungehindert ausgeben
zu können, allerdings nur bis zum von der Zentralstelle
festgesetzten Endtermin. Alle Gemeinden, deren Notgeld
sich „in einem fortgeschrittenen Stadium der
Fertigstellung befindet, so daß eine plötzliche
Sistierung . . . mit schweren finanziellen Opfern
der Gemeinden verbunden wäre, können dieses
Notgeld noch bis 30. Oktober weiter verwenden".
Natürlich brachten diese Maßnahmen so manche
Gemeinden um den erhofften Gewinn, wenn sie sich zu
spät entschlossen hatten, Notgeld auszugeben,
oder die Druckerei sie hängen ließ. Man
wußte sich aber sehr bald schon zu helfen! So
beschließt am 17. Juli der Gemeinderat von Ybbsitz,
das Notgeld, sobald es eingelangt sei, kurzerhand
„ohne Anfragen an die Behörden" auszugeben.
Kaum aber war das Landesnotgeld da, gab es auch schon
die ersten Schwierigkeiten. Mitte August verlautbarten
die niederösterreichischen Lokalblätter
eine Verfügung der Landesregierung, daß
„Reklame auf Notgeldscheinen verboten"
sei. Eine clevere Grammophonplatten-Leih-und Umtauschanstalt
machte sich nämlich die Gelegenheit zunutze,
die Rückseite der Landesscheine mit ihrem Stampiglienaufdruck
zu versehen. Zweifellos eine blendende Idee, leider
wurden die Scheine für ungültig erklärt
und vor deren Annahme gewarnt.
Unter Punkt sechs des vorhin zitierten Rundschreibens
heißt es:
„Winkelbehörden, insbesondere auf Bahnhöfen,
dürfen nicht ihr Unwesen treiben; solche werden
im Sinne der Gewerbebestimmungen behandelt. Gegen
Personen, welche sich bei Amtshandlungen wider die
Teilnehmer an solchen Börsen ungestüm und
beleidigend verhalten, oder hiebei sonst ein polizeiwidriges
Verhalten zeigen, wird unnachsichtlich gemäß
der einschlägigen Bestimmungen der Kaiserlichen
Verordnung vom 20. April 18 54 eingeschritten . .
."
Tatsächlich gab es viele solcher fliegenden Händler
und, gewerberechtlich gesehen, illegale Börsen,
vor allem in Wien. Am Bahnhof St. Pölten schlug
ein Händler auf Bahnsteig 1 jeden Samstag und
Sonntag seinen Stand auf und versorgte die Sammlerschar
mit den neuesten Ausgaben: Das Sammeln von Notgeld
war zur Landplage geworden. Zu Fuß, per Rad
oder per Bahn suchten die Leute der bunten Scheine
möglichst vollständig habhaft zu werden.
Eigene Steckalben wurden angeboten, zu Massen gekauft
und gefüllt, das Notgeldfieber schüttelte
nun auch das Land unter der Enns. Dieser Entwicklung
trugen Notgeldausstellungen Rechnung, die im Spätsommer
des Jahres 1920 in Krems und Salzburg stattfanden.
Die Kremser Veranstaltung wurde als „Erste deutschösterreichische
Notgeldausstellung (EDNA)" in allen Medien angekündigt
und rief großes Interesse hervor.
Der Reinertrag dieser Ausstellung, anläßlich
derer auch drei Auflagen von Spendenscheinen herausgegeben
wurden, die wie die meisten Privat- und Sonderausgaben
heute schwer zu bekommen sind, floß einem Fonds
zur Heimführung Kriegsgefangener zu.
In den Besitz besonders umfangreicher Sammlungen kamen
unfreiwillig die Pfarren. Damals wie heute bestreiten
sie ihre Ausgaben zu einem nicht geringen Teil aus
den Eingängen der sonntäglichen Spenden,
und wie heute die Kollekte noch immer aus Kleingeld
besteht, so gingen auch 1920 trotz Inflation nur Hellerwerte
in Notgeldscheinen ein. In den Pfarrhöfen häuften
sich die Kassenscheine, die erst zu Ende des Jahres,
bei Verlängerung der Laufzeit Mitte bis Ende
des Jahres 1921 eingelöst werden konnten, die
Ausgaben aber gingen weiter. So wird verständlich,
daß sich die Pfarren um eine Vorverlegung des
Einlösetermins bemühten, mit Erfolg zum
Beispiel in Ybbsitz, wo der Gemeinderat in der Sitzung
vom 11. Juni 1920 der Bitte des Pfarramtes nachkam,
das Notgeld halbjährlich zur Einlösung zu
bringen.
Was half s, das Geschäft mit dem Notgeld blühte
weiterhin. Die zweite, dritte oder x-te Auflage war
für viele Gemeinden schon gedruckt oder unterwegs
und mußte zumindest die Gestehungskosten wieder
hereinbringen, und die Sammler warteten begierig auf
neue Ausgaben.
Der „chr. s. Turnverein" von Tulln und
der „Turnverein Tulln a. d. J. 1883" richteten
schon am 19. Mai 1920 an die Stadtgemeinde die Bitte,
eine neue Auflage zu bestellen. Mit dem Hinweis auf
die Bedeutung der Pflege der Leibesübungen im
Freien unterbreiteten sie der Gemeinde zur Finanzierung
eines Sommerturnplatzes und entsprechenden Gerätes
folgenden Vorschlag:
„Eine verehrliche Gemeindevertretung beschließe
die Ausgabe neuer Kassenscheine à 10, 20 und
50 h mit Ansichten von Tulln im Gesamtbetrage von
K 100.000,-und übergibt die gesamte Auflage zum
Alleinvertrieb für Sammelzwecke den beiden Turnvereinen,
so wie es die Gemeinden Pöchlarn, St. Leonhard
am Forst, Ruprechtshofen, St. Peter in der Au und
andere mehr bereits getan haben ..."
Ähnliche Absichten verfolgte die Freiwillige
Feuerwehr Tulln, wie aus ihrem Schreiben vom 8. Juni
an die Stadtgemeinde hervorgeht. Diese suchte am 22.
Mai beim Staatsamt für Finanzen tatsächlich
um Genehmigung einer zweiten Auflage an und urgierte
das Ansuchen später sorgenvoll, „da man
in Hoffnung der Genehmigung bereits mit dem Druck
begonnen, bisher aber keine Erledigung erhalten habe".
Mit Jahresende, in vielen Orten auch erst Ende 1921,
werden die Notgeldscheine eingelöst. Die Gemeinden
verkünden per Anschlag Einlösefrist und
Ende der Laufzeit. In den Abrechnungsprotokollen der
Jahre 1921 und 1922 scheinen schöne Gewinne auf
(allerdings täuschen die hohen Zahlen!):
Amstetten:
80.000 K = 10% Gewinn aus der ersten Auflage
120.000 K = 15% Gewinn aus der zweiten Auflage
Scheibbs: 48.144 K 54 h (28. 6. 1922)
Schrems: 24.240 K (Mitte 1922)
Traismauer: 41.000 K (31. 10. 1921)
Welches Schicksal den übriggebliebenen Scheinen
unter anderem widerfuhr, verrät folgender im
Verwaltungsakt „Notgeld" des Stadtarchivs
Tulln erhaltener Briefwechsel:
Direktion
des Wilhelminen-Spitals in Wien, XVI.
D.Z.2386/12 Wien, am 17. Dezember 1921
An die
löbliche Gemeindevorstehung in Tulln
Die
gefertigte Direktion erlaubt sich an die löbliche
Gemeindevertretung die Anfrage zu richten, ob sie
ihr nicht von dort ausgegebenes Notgeld käuflich
zur Verfügung stellen könnte. Das Notgeld
ist nicht für den Vertrieb im Inlande bestimmt,
sondern wird für eine Auslandsaktion im Interesse
unseres Kinderspitals verwendet.
Wie der geehrten Gemeindevertretung vielleicht bekannt
sein dürfte, ist das Wilhelminenspital das größte
Kinderspital Wiens und besitzt ein Stiftungsgebiet
in Lilienfeld N.Oe., woselbst für die kranken
Kinder unserer Anstalt ein Filialspital in Errichtung
begriffen ist. Da das hiezu zur Verfügung stehende
Stiftungskapital /C. M. Frank Kinderspitalstiftung
/ durch die Geldentwertung nicht ausreicht, habe ich
Beziehungen zu Auslandsaktionen gesucht. Erfreulicherweise
habe ich eine Stelle im Ausland gefunden, die dem
Projekte wirksame Unterstützung zu Teil werden
läßt, jedoch von uns zum Zwecke der Förderung
dieser Aktion Notgeld verlangt.
Die geehrte Gemeindevorstehung würde durch die
Überlassung von etwa dort noch vorhandenen Notgeld
unsere im Interesse der kranken Kinder eingeleitete
Wohlfahrtsaktion in wertvollster Weise unterstützen.
Ich würde gerne 1000 Serien übernehmen.
Mit besonderer Hochachtung
Bürgermeisteramt der Stadt Tulln, am 4. Jänner
1922
Z.
Notgeld
An die
Direktion des Wilhelminenspitals,
Wien
In
Vollziehung des Beschlusses des Gemeinderates vom
20. Dezember 1921 wird mitgeteilt, daß die Stadtgemeinde
Tulln heute 1000 Serien Notgeld an die Direktion abgesandt
hat.
Mit Rücksicht auf den wohltätigen Zweck
verzichtet die Gemeinde auf die Bezahlung.
Herrn
Kämmerer Kerbler Der Bürgermeister:
beh. Durchführung Niklas
Direktion
des Wilhelminenspitales.
D.Z.: 62/28 Wien, am 19. Jänner 1922
An das
Bürgermeisteramt der Stadt Tulln.
Ich
beehre mich für die gütige Gratisüberlassung
von
1000 Serien Notgeld den wärmsten Dank im Namen
unserer Anstalt auszusprechen.
Ich bin sehr erfreut, daß unsere Aktion von
Seite der
geehrten Gemeinde eine derart wertvolle Förderung
erfährt.
Mit dem Ausdruck besonderer Hochachtung
Der Hofrat:

In anderen Gemeinden wieder wanderten die Restposten
in das Archiv oder ins Heimatmuseum. Letzteres trifft
auf die Marktgemeinde Persenbeug zu, die es sich leisten
kann, an ganze Schulklassen noch mit Originalschleifen
gebündelte Scheine zur Erinnerung an den Besuch
des Heimatmuseums zu verteilen.
Worin bestand nun diese Faszination des Notgeldes,
daß es das Interesse so breiter Kreise fand?
Im Wert, im wirtschaftlichen Ansehen, lag es gewiß
nicht begründet. Denn Notgeld war stets nur sichtbarer
Ausdruck zerrütteter wirtschaftlicher Verhältnisse,
eben Begleiterscheinung von Notzeiten.

Mit
Originalschleifen gebündeltes Notgeld der Marktgemeinde
Persenbeug, aufbewahrt im Heimatmuseum dieses Ortes
So mag wohl die Aufmachung der Scheine, die bunte
Vielfalt, die künstlerische Gestaltung, der gefällige
Druck, für den Sammler Anreiz genug gewesen sein,
Alben damit zu füllen.
Zahlreiche Entwürfe für die Klischees stammten
von namhaften Künstlern. Der Entwurf für
das Notgeld von Loich im Pielachtal zum Beispiel,
das nicht weniger als 14 Auflagen erlebte, vom akad.
Maler Josef von Schön--brunner; er war Zeichenprofessor
in Wiener Neustadt und besaß in Loich ein kleines
Haus. Schönbrunners Vater war seinerzeit Direktor
der Wiener Albertina, seine Vorfahren durch mehrere
Generationen anerkannte Künstler. Sein Cousin,
Robert von Schönbrunner, Zeichenprofessor in
Wien, entwarf das Notgeld für Schönbichl
und Zell an der Ybbs.
Der Maler Prof. Würml entwarf für Blindenmarkt,
Prof. Wilhelm Ambros gestaltete die Scheine des berühmten
Weinortes Röschitz, in Mödling waren die
Künstler Prof. Kampas (für Dürnstein)
und der Architekt Prof. K. Lehrmann (für Perchtoldsdorf)
tätig.
Auch A. Tippl, ein Schulkollege Hitlers, war Bautechniker;
er schuf die Entwürfe für Haag. Für
Persenbeug und Weinzierl bei Wieselburg zeichnete
der Ybbser Architekt Leo Christophory. Während
das Notgeld von Weinzierl aber recht konventionell
anmutet, erinnert der 50-Heller-Schein von Persenbeug
stark an die Jugendstilplakate der zehner Jahre.

Loich im Pielachtal, 50 Heller / Zell an der Ybbs,
20 Heller.
Nach Entwürfen von Josef bzw. Robert von Schönbrunner

Gemeinde
Perchtoldsdorf, 10 Heller / Marktgemeinde Persenbeug,
50 Heller.
Nach Entwürfen von K. Lehrmann bzw. Leo Christophory
Ing.
Franz Zöchling aus Wieselburg erinnert sich,
daß sein Vater von der Gemeinde Wieselburg beauftragt
wurde, persönlich das Notgeld bei der Firma Prietzel
in Steyr zu bestellen. Entworfen hat es Architekt
Aschenbrenner, der Herrn Zöchling damals erklärte:
„Wir nehmen Ihr Haus als Motiv, weil es das
einzige ist, das Stil hat".
Den Entwurf für die hübschen Scheine der
Marktgemeinde Ybbsitz besorgte der Benediktinerpater
Anton Unterhofer, Zeichenlehrer und von 1955 bis 1960
sogar Direktor des altehrwürdigen Stiftsgymnasiums
Seitenstetten.
Die 50-Heller-Scheine des Stiftskelleramtes Lilienfeld,
einer davon zeigt den Kellermeister P. Lambert Studeny
im Kellerstüberl sitzend, sind mit „Spatina"
signiert. Frater Clemens Maria Franz Spatina, 1888
in Wien geboren, trat 1914 in das Stift Lilienfeld
ein, verließ es aber zwei Jahre später
wieder und starb 1931 als Dr. jur. Er galt als begabter
Zeichner, im Stift Lilienfeld befinden sich einige
Aquarelle von ihm: Abt Justin beim Pontifikalamt,
eine Ansicht des Stiftskelleramtes mit Eingang und
Prälatenturm, auch eine Weinetikette gleichen
Motivs stammt von seiner Hand.
Mit „Robert Leitner" sind die Notgeldscheine
von Berndorf, Euratsfeld, Ferschnitz, Gainfarn, Lindabrunn,
Nussendorf und Waidhofen a. d. Ybbs signiert. Prof.
Robert Leitner war Absolvent des Bundesrealgymnasiums
Waidhofen und Porträtist der Bürgermeister
dieser Stadt.

Marktgemeinde Wieselburg an der Erlauf, 10 Heller
/ Stadt
Berndorf, 20 Heller. Nach Entwürfen von Architekt
Aschenbrenner bzw. Prof. Robert Leitner

Mitunter übernahmen auch Druckereien die
künstlerische Gestaltung der Notgeldscheine,
für Gumpoldskirchen zum Beispiel die Firma F.
Seithenberger im dritten Wiener Gemeindebezirk
Seine
Entwürfe sind noch stark im ausklingenden Jugendstil
verhaftet und besonders hübsch.
Die „künstlerische Gestaltung" der
Notgeldscheine übernahmen mitunter auch die Druckereien,
die entweder eigene Grafiker beschäftigten oder
deren Inhaber selbst Entwürfe lieferten. So erstellte
der Besitzer der Firma F. Seithenberger im dritten
Wiener Gemeindebezirk die Vorlagen für Kettenreith,
Klausen-Leopoldsdorf, Annaberg, Dornbach, Enzesfeld,
Feuersbrunn, Gainfarn, Gerasdorf, Gumpoldskirchen,
Langenlois, Nußdorf an der Traisen, Schönbühel,
Sittendorf, Sparbach und Wampersdorf. Die Scheine
dieser Gemeinden sind meist nur auf der Vorderseite
künstlerisch gestaltet, tragen stark Geldscheincharakter
und berücksichtigen sehr gut die Charakteristika
des Ortes.
Zu den vielbeschäftigten Druckereien zählte
die Firma Prietzel in Steyr. Sie druckte für
Drosendorf, Ennsdorf, Kürnberg, Haidershofen,
Maria Taferl, Neumarkt an der Ybbs, Persenbeug, St.
Peter-Markt, St. Valentin, Seiten-stetten-Markt, Steinakirchen
am Forst, Ybbs und andere mehr. Die meisten Entwürfe
hiefür stammen von Emil Prietzel, der für
viele der genannten Orte die erste Auflage lieferte.
Seine Zeichnungen sind sowohl von der Ortsdarstellung
her wie auch in der Ornamentik eher klar und einfach.
Die Kunstanstalt Jaksch & Neuhold in Wien VI,
mit der Wiener Notgeldszene bestens vertraut, besorgte
Entwurf und Druck für Petronell und Maria Lanzendorf.

Diesen
50-Heller-Schein der Gemeinde Drosendorf druckte die
Firma Prietzel in Steyr
Die Wachauer Gemeinden ließen sich die Aufmachung
ihres Notgeldes besonders angelegen sein. In der ersten
Ausgabe brachte Spitz Ansichten von Aggstein, Emmersdorf,
Joching, Mitter-Arnsdorf, St. Michael, Schönbühel,
Spitz, Weißenkirchen und Wösendorf. Für
die Einlösung der Scheine in gesetzliche Zahlungsmittel
haftete ausschließlich die Gemeinde Spitz, ebenso
für die zweite Auflage, die „Künstlerserie",
mit Motiven der Ortschaften Aggstein, Dürnstein,
Emmersdorf, Mitterarsndorf, Schloß Ranna-Mühldorf,
St. Michael, Schönbühel, Schwallenbach,
Spitz und Weißenkirchen.
Wie sehr dieses „Wachauer Notgeld" Beachtung
fand, unterstreicht ein anläßlich der Kremser
EDNA verfaßter Artikel in der „Nieder
Oesterreichischen Presse" vom 2. September 1920:
„ . . . Ferner erwähnenswert ist noch die
Vitrine mit dem Wachauer Notgeld ... In ihnen kommt
zumeist der Liebreiz unserer herrlichen Donaulandschaft
zur schönen Geltung. An der künstlerischen
Ausführung beteiligten sich, zumeist mit Glück,
die meisten heimatlichen Mitglieder des Wachauer Künstlerbundes:
Tomschik, Luhde, Kampas, Grausgruber, Grete Gause,
Liesl Kienzl, Weber, Prinzl und viele andere. Diese
Notgeldzettel sind fast durchwegs in so prächtiger
Ausführung gediehen, daß sie über
ihren Zweck hinaus geradezu als Reklame für die
Wachau selbst dienen könnten . . ."
Neben diesen Serien der Gemeinde Spitz gab es auch
von anderen Gemeinden der Wachau Notgeldscheine,

Großer
Beliebtheit erfreute sich bei Sammlern die Wachauer
„Künstlerserie“ hier mit Motiven
der Ortschaften St. Michael und Schwallenbach
selbst
dann, wenn sie im „Wachauer Notgeld" als
Ort schon vertreten waren. Von den genannten Künstlern
abgesehen, scheinen noch Siegfried und Otto aus der
Wachauer Malerdynastie der Stoitzner für Fürth
und ein Monogrammist MS für Dürnstein auf.
Friedrich Grausgruber und Rudolf Weber sind im Lehrerhandbuch
1925/26 als Schulmeister in Scheibbs bzw. Ebergassing
verzeichnet. Da man damals vom Lehrer zeichnerische
Begabung voraussetzte, wurde er nur allzu gern gebeten,
etwa ein Plakat oder ein Spruchband anzufertigen und
wohl auch einen Entwurf für das Gemeindenotgeld
zu liefern. So manches Unterdruckmuster und das eine
oder andere Zierband mögen Lehrerunterlagen entnommen
sein. Einige dieser Lehrer sind uns bekannt, sei es
durch ihr Signum auf den Scheinen, sei es aus den
Unterlagen der Gemeinden: E. Diemberger (Lunz), OL
Anton Hitsch aus Fahrafeld (Kasten), R. Langer (Wang),
Josef Mika (Hainfeld), Hans Perndl - später Oberlehrer
in Strengberg -, dessen Entwurf bei Kielar (Amstetten)
in aufwendigem Vierfarbendruck erschien, Viktor Schatz
und A. Weidinger (beide Scheibbs), F. Schlager und
A. Tippel (beide Haag), Kaspar Senoner (Steinakirchen
am Forst), Franz Springer (Neulengbach) und Raimund
Wild (Weißenbach bei Mödling). Hinter dem
Monogramm K. P. auf den Scheinen von Groß-Siegharts
verbirgt sich der spätere Hauptschuldirektor
des Ortes, Karl Pexider.
Viele Entwürfe - und nicht gerade die schlechtesten
-stammen von Gelegenheitskünstlern, zum Beispiel
die besonders gelungenen Ansichten von Hollenstein.

Marktgemeinde Furth, 50 Heller. Der Entwurf stammt
vom Wachauer Maler Siegfried Stoitzner, den Druck
besorgte die Firma Josef Faber in Krems
Sie schuf Anton Blaschek, Rothschildscher Forstmeister
und später Angestellter der Bundesforste zu Hollenstein.
Anton und Karl Rohrhofer scheinen auf dem Notgeld
von Biberbach, Droß, Egelsee, Kollmitzberg,
Maria Laach und St. Leonhard am Wald im Zusammenhang
mit der Druckerei Kielar auf, die auf Niederösterreich
bezogen am besten „im Geschäft" war,
druckte sie doch für rund 30 Gemeinden Auflage
um Auflage.
Gleichfalls in Amstetten zuhause war die Druckerei
C. Queiser, die wie ihr Konkurrent hauptsächlich
für Mostviertier Gemeinden arbeitete, wenn auch
in wesentlich bescheidenerem Maße.
In St. Pölten waren fünf Druckereien mit
der Herstellung von Notgeld befaßt: die Firmen
Sommer, Gutenberg, Groß, Preßverein und
Libertas.
Im Waldviertel erhielt die Firma Siedler in Pöggstall
mehrere Aufträge, in Hainfeld Wilhelm Trentler,
während an Wiener Firmen Chwala, M. Engel &
Söhne, Paul Gerin, Eduard Sieger und M. Salzer
stets mit Aufträgen niederösterreichischer
Gemeinden rechnen konnten.
Alle anderen Druckereien - für Niederösterreich
insgesamt 5 3 - waren nur für die engste Umgebung
in dieser Hinsicht tätig, oft nur für den
eigenen Ort.
Es herrscht kein Zweifel darüber, daß die
ersten Ausgaben oft recht primitive Druckanfertigungen
waren. Vielfach wurden anfangs nur alte Bildklischees
verwendet, wie Dr. Herbert Faber aus Krems zu berichten
weiß; der technische Aufwand stieg erst im Laufe
des Jahres mit der vermehrten Nachfrage.

Als Bildmotiv für den 10-Heller-Schein der
Gemeinde Hollenstein wählte der Hobbykünstler
Anton Blaschek die prachtvolle gotische Totenleuchte
des Ortes
Den Bestellern kam es zunächst nur darauf an,
rasch und ohne Umstände beliefert zu werden.
Das galt vor allem dort, wo man einander kannte und
gegenseitiges Vertrauen herrschte.
Große und entfernte Druckereien hingegen versprachen
in ihren Offerten, daß der Druck unter besonderer
Aufsicht durchgeführt werde und Mißbrauch
oder Diebstahl ausgeschlossen sei. So schreibt die
Firma Engel an Herrn Ferdinand Goldmann in Tulln:
„Gegen Fälschung im Hause übernehmen
wir die volle Verpflichtung, der Druck erfolgt unter
ständiger Überwachung eines Vertrauensmannes,
und die Gravuren werden unter Beisein eines Beauftragten
Ihrer Stadtgemeinde nach dem Drucke vernichtet..."
Das erklärt auch, weshalb in vielen Gemeinden
die Druckstöcke nicht mehr vorhanden sind. Natürlich
gingen im Laufe der Jahrzehnte viele verloren, in
manchen Orten aber haben sie sich in ein Heimatmuseum
gerettet (Groß-Siegharts, Heidenreichstein,
Langenlois, Scheibbs, Ybbsitz u. a.).
Um nur ja den Auftrag zu bekommen, übernahmen
die Druckereien auch noch andere Verpflichtungen.
Wie aus dem schon einmal zitierten Protokoll der Stadtgemeinde
Amstetten vom 20. Juni 1920 hervorgeht, besorgte die
ortsansässige
Firma Kielar nicht nur den Druck, sondern erklärte
sich auch bereit, alle Auslagen, die der Gemeinde
in diesem Zusammenhang seitens der Behörde angelastet
werden, wie Steuern, Gefällstrafen usw., zu decken.

Briefkopf
der Druckerei Emil M. Engel, Schottenring 16, Wien
So bemühten sich zuletzt alle, Auftraggeber,
Künstler und die Druckereien, ein gefälliges
und ansprechendes Produkt herzustellen.