Die
Sprüche und Verse auf den Geldscheinen verdeutlichen
recht anschaulich die Stimmung im Lande. Vom Sarkasmus
bis hin zur feinen Ironie der Glosse reicht die Skala
der Mittel, derer man sich bediente, um den Ernst
der Lage zum Ausdruck zu bringen und sich zugleich
darüber hinwegzutäuschen. So lesen wir auf
dem Notgeld der Gemeinde Mautern diese Verse:
Nimm
einen Wagen voll von Geld
Und fahr zum Einkauf in die Welt;
was du bekommst, braucht keinen Wagen,
das kannst du mit zwei Fingern tragen.
Kein Fleisch, kein Brot, kein Wein, kein Bier!
Wir haben gar nichts als Papier.
Das find ich wirklich ganz verruckt,
Daß man so viele Zettel druckt.
Ein Mittel kommt mir in den Sinn
Für unser ganzes Weh:
Mehr Arbeit heißt die Medizin
und weniger Juchhe!
Beim Kuckucksruf in Wald und Feld
Da klimpert ich mit dem blanken Geld,
Doch heuer hab ich den Kuckuck belauscht
Und still mit meinen Zetteln gerauscht.
Ein Sammler führte Scheine heim,
Gleich einen ganzen Karren.
Ich glaub die Welt ging aus dem Leim
Gäbs nicht auch solche Narren.
Halte stets dich an das Kleine,
Protzig ist nur das Gesindel.
Echt sind die Zehnhellerscheine
und die Tausender sind Schwindel.
In
manchen Gedichten wieder klingt das Pathos künftiger
politischer Auseinandersetzungen an. Die kleine Gemeinde
Abstetten (heute Sieghartskirchen) belehrt den Besitzer
ihrer 20-Heller-Scheine:
In
jeder Not zusammenhalten,
Trotz allen Stürmen und Gewalten.
Die
Not ist groß, die Hilfe weit,
Hilf dir selbst, du wirst befreit.
reimt
ein Anonymus für Kirchberg am Wagram. Auf Gottes
Hilfe hingegen baut der Kaufmann Ignaz Jamöck
in Gösing am Wagram, der auf sein Privatnotgeld
drucken ließ:
Not,
Haß und Neid
Regieren diese Zeit.
Herr Gott, führ Du Dein Volk zurück
Zu Glück und Liebe und zur Menschlichkeit!
(H. A.)

Gemeinde
Abstetten (heute Sieghartskirchen), 20 Heller / Privatnotgeld
des Kaufmanns Ignaz Jamöck, Gösing am Wagram
Von demselben „H. A." stammt auch das Gebet
auf den privaten Kassenscheinen des Bäckermeisters
Franz Kronberger zu Hadersdorf am Kamp:
Herr
Gott, die Not ist groß in unsern Gauen!
Gib, daß wir nicht verzweifeln am Vertrauen.
Gib, daß je tiefer Nacht und Not und Fährden,
Je höher duldend wir geläutert werden.
Und daß erstehe über Welt und Leid
Der Tag der Freiheit, Liebe, Menschlichkeit.
Zur
wirtschaftlichen Lage meint Franz Kronberger:
Fünf
resche Semmeln und noch eine sechste drauf
Gab für ein Sechserl ich dereinst in Kauf.
Die guten Semmeln sind ein Märchen schier geworden,
Das gute Sechserl ist nun zu Papier geworden.
Vom
Brot schreibt auch die Gemeinde Abstetten, allerdings
im übertragenen Sinn:
Wir
grenzen an das Tullnerfeld
und leiden auch in herber Not.
Nun schufen wir papier'nes Geld
Zu kaufen drum das liebe Brot.
Und
Gars auf der Rückseite des 50-Heller-Scheines:
Wir
gleiten restlos immer schneller
Hinein ins große Defizit.
Und der papier'ne Notgeldheller
Der flattert sorglos heiter mit!
Wie
in Gars wurde auch andernorts das Notgeld aufs Korn
genommen, als Muster quasi ohne Wert:
Not
zeuget dies Geld,
Das wie anderes regiert die Welt
meint
man in Haizendorf, und Etsdorf - die beiden Gemeinden
vereinigten sich am 1. Jänner 1970 zu Etsdorf-Haitzendorf
- klagt:
Gold,
Silber und das Eisen
Hat man uns weggenommen,
D'rum haben unsere Weisen
Das Papiergeld klug ersonnen.
Ähnliches
verlautet aus Gars am Kamp (10h):
Goldkronen
und die Silbergulden
Sind wie die Nickel längst verschwunden.
Drum haben wir zu unsern Schulden
die Notgeldwährung noch erfunden!
Auf
die eigentliche Ursache der Notgeldausgabe, auf den
Mangel an Rohstoffen und Metallwährungsreserven,
ging Haizendorf auf seinem 50-Heller-Schein ein:
Niemand
hätt' es je gedacht,
daß die Gemeinde Geld sich macht.
Das beste hat der Feind geholt
Wie Kupfer, Nickel, Silber, Gold.
An großen Noten gibt's zwar viel
Doch Niemand sie gern nehmen will,
Denn sind sie auch zum Großteil echt,
So steht doch die Valuta schlecht.
Drum greift man heute allgemein
Zum wirklich sich'ren Kassenschein!
Das
war zwar eine fromme Lüge, denn die Kassenscheine
unterlagen genauso der Inflation wie die gesetzliche
Währung, doch warb auch die Kurstadt Baden mit
diesem Argument. Daß man sich schließlich
damit abfand und sich half, so gut man eben konnte,
beweist Gars am Kamp:
Das
Hartgeld ist seit manchem Jahr -
O Jerum - überall sehr rar.
Was nützt das Jammern und das Betteln?
Wir drucken einfach Notgeldzetteln!
Auch
in Kammern am Kamp meinte man dazu:
So
manche große harte Nuß,
Der Mensch im Leben knacken muß!
Doch ist wohl unsere Sorge klein,
Wenn drucken wir den Notgeldschein!
Und
Langenlois tröstete seine Bürger mit einem
Spruch, der ebensogut aus unseren Tagen stammen könnte:
Bald
sind wir oben, bald auch unt',
Die Welt ist eben kugelrund —
Bald ist's Papier und dann Metall,
Genug hat man in keinem Fall.

Gemeinde Weiten, 10 Heller / Notgeld der Marktgemeinde
Gars am Kamp: 50 und 10 Heller
Daß auch die Weitener ihren Humor nicht verloren
haben, spricht für sie. Die Rückseite ihres
10-Heller-Scheines ziert folgender Vers:
Herr
Hadubrand auf der Mollenburg
soff wie ein Loch in der Taverne.
's gab gutes Bier und edlen Wein,
doch, Gott sei Dank, keinen Kassenschein.
Es
fehlte auch nicht an treffendem Spott als das nach
wie vor beste Mittel in Bedrängnis geratener
Menschen, ihren Unmut loszuwerden. Hier drei Belege
aus dem Kamptal:
Behalt'
es gut, dann hast du schon Das Glück zur ersten
Million,
Das wünscht euch, liebe Freunde,
Die druckende Gemeinde.
(Langenlois, 50-Heller-Schein)
Ein
Bildchen vorn und auf der Hinterseite
Gibt ihm ein fröhlich Verslein das Geleite -
So tritt der vielbegehrte Kassenschein
Recht protzig in das Weltgetriebe ein.
(Gars, 20 Heller)
Manch'
Kassenscheinchen faßt jetzt an
Der arge Währungsgrößenwahn,
Weil es den Stempelaufdruck „Echt"
Als wie ein — Tausender auch möcht.
(Gars, 10 Heller)