Längstens
Mitte des Jahres 1920 wurde offenkundig, daß
mit den Kassenscheinen ein gutes Geschäft zu
machen war, da die Sammeltätigkeit ein ungeahntes
Ausmaß angenommen hatte. Viele Gemeinden spekulierten
nun unverhohlen damit, die Scheine nicht mehr einlösen
zu müssen oder gaben (nach dem Verbot) neue nur
zu Sammelzwecken aus. Dabei kam man auf die tollsten
Ideen. So stellte die Gemeinde Hadersfeld im Wienerwald
Notgeld aus Sperrholz her!
Auf vielen Ausgaben wurden die Sammler direkt angesprochen,
sofern man die Sammelwut nicht gar glossierte, wie
dies Straß auf seinem 10-Heller-Schein tut:
Urahne
füllt mit gleißendem Silber und Gold
Strümpfe und Taschen,
Wir mit papierenen Scheinen,
Albums und Kassen.
Der
10-Heller-Schein der Gemeinde Haizendorf zeigt das
Schloß Grafenegg. Der Spruch auf dessen Rückseite
nimmt die Freude des Gemeindekassiers vorweg:
Den
Sammlern zur Freude,
Den Wirten zum Groll,
Den Fechtern zum Leide
Der Gemeinde zum Wohl.
Als
Weinzierl am Walde am 1 3. Juni 1920 beschloß,
auch eigenes Notgeld herauszugeben, wußte man
in der Gemeinde schon ganz genau:
Das
Weinzierler Notgeld wird überall verlangt,
Zu Berg und zu Tal, zu Wasser und zu Land!
Es steuert die Geldnot und erfreut auch beileib
Einen jeden Sammler, Mann, Kind und Weib!

Ausschließlich
Sammlerzwecken dienten die 10-Heller-Plättchen
(Sperrholz) der Gemeinde Hadersfeld im Wienerwald

10-Heller-Schein der Ortsgemeinde Haizendorf mit
Schloß Grafenegg
Offen
und ehrlich bekannte Göstling auf seinem 10-Heller-Schein,
was es von seinen Bürgern erwartet:
Im
20er Jahr die Not mich gebar,
Will bringen dir Glück,
gib mich nicht zurück.
Der
Spruch aus Baden:
Hast
Du an Notgeld Überfluß,
Es schafft Dir sicher nicht Verdruß:
Für jeden alten Kassenschein
Tauschst eine Menge Geld Du ein.
spielt
darauf an, daß die Notgeldscheine teilweise
schon weit über ihrem Nominalwert gehandelt wurden.
Unwillkürlich drängt sich hier der Vergleich
mit den Sondermünzen der siebziger Jahre auf,
vor allem was den Goldtausender betrifft.
Auch Kammern am Kamp hofft, daß sein Notgeld
„Flügel kriegt und über alle Berge
fliegt", die Gemeinde Abstetten richtet an die
Sammler die Bitte
Heimset
fleißig ein
Ihr Sammler all!
Nehmt auch un'sre Schein'
Auf jeden Fall!
und auch Weiten ersuchte auf dem 20-Heller-Schein
Sagt's
es weiter allen Leuten,
's gibt Kassenscheine auch in Weiten.
Der
schon mehrmals erwähnte Monogrammist H. A. dichtete
für Bäckermeister Kronberger aus Hadersdorf
mit viel Verständnis für die Sammelleidenschaft
folgenden Vers:
Sammeln
wir doch soviel Dinge,
Die wir nicht zum Sammeln schafften:
Warum nicht die flatterhaften
bunten Notgeldschmetterlinge ?
Von
ihm stammt auch der Text auf dem 10-Heller-Schein
des Kaufmanns Ignaz Jamöck zu Gösing am
Wagram:
Her
damit, her!
Und immer mehr!
So werden Menschen zu Hyänen.
Sie lechzen; aber nicht nach Blut.
Nur keine Angst vor ihren Zähnen. -
Sie haben nur die Sammelwut!
Notgeld her! Notgeld her!
Doch
selbst die angespannte Lage auf dem Papiermarkt vermochte
die Notgeldflut vorerst nicht einzudämmen, wenngleich
man sich verschiedentlich Gedanken darüber machte,
wie das denn weitergehen soll. Welche Konsequenzen
drohten, sah zumindest die Gemeinde Hadersdorf klar
voraus:
Neugierig
bin i, was jetzt nacha g'schieht,
Wann d' Welt unser Notgeld aufliegen sieht,
aber das is ganz sicher und das is ganz klar,
Daß vor lauter Druck'n 's Papier wird jetzt
gar.
Tatsächlich
trat dann Mitte 1920 eine Konferenz der Zeitungsverleger
und Buchdrucker zusammen, die sich mit der Papierknappheit
im Lande auseinandersetzte, und auch in der offiziellen
Begründung für das Verbot, weitere Notgeldausgaben
drucken zu lassen, wurde dieser Aspekt betont.

Das
Rathaus als Bildmotiv des 10-Heller-Scheines der Gemeinde
Hadersdorf am Kamp