Wenn
man die Notgeldausgaben nur nach dem Inhalt der Darstellung
betrachtet, also Rankenwerk und Zierleisten wegläßt,
ebenso Beschriftung und Wertangabe, ja wenn man selbst
von der künstlerischen Qualität dieser Kleingrafik
absieht, bleibt dennoch eine wesentliche Aussage über.
Historisches (alte Ansichten, Schlösser, Burgen,
Pranger), die vertraute engere Heimat (Ortsansichten,
Wahr¬zeichen, Landschaft), Erwerbsmöglichkeiten
und Arbeitsvorgänge (Landwirtschaft, Industrie
und Handwerk), die politische und wirtschaftliche
Situation (Resignation, Hoffnung und Zuversicht, Sarkasmus
und Spott), das alles muß starke Signalwirkung
ausgeübt haben. Sie stellten zeichenhaft Grundwerte
unseres Lebens dar, deren man in dieser schwierigen
Zeit dringend bedurfte: Heimatgefühl und beginnendes
Staatsbewußtsein, Arbeit und tägliches
Brot, Sicherheit und Geborgenheit, Bewältigung
der Zeitumstände und Selbstfindung.
Das war es letztlich, was die Bevölkerung zu
diesem Sammelboom ungeahnten Ausmaßes veranlaßte.
Das gegebene und daher auch am häufigsten verwendete
Motiv war die Heimat, der Heimatort, nach Fotografien
(Türnitz, Eschenau, Lilienfeld, Herzogenburg),
in der Mehrheit aber nach Zeichnungen oder anderen
künstlerischen Vorlagen liebevoll vorgestellt.
Totalsansichten, Plätze, Straßenzüge
und Einzelmotive wechseln einander ab. Es war die
Zeit der damals noch jungen Ansichtskarte, und in
eben demselben Stil und Variantenreichtum wird auf
den Notgeldzetteln Ort für Ort dargestellt: Seit
ihrer Gründung oft kaum verändert, hingeduckt
in die Landschaft, von keinem störenden Neubau
entstellt, die alten Fassaden und Giebel organisch
gewachsen, zeigen sie sich in Kartuschen, Rankenwerk,
Zierleisten im Stil der Zeit, kreisrund, oval oder
einfach im Viereck gerahmt.
Der Stolz eines jeden Ortes ist sein Wahrzeichen,
das vom Begriff „Ortsansicht" kaum zu trennen
ist. An das Wahrzeichen einer Gemeinde knüpfen
sich historische, kulturelle, religiöse, in jedem
Fall aber emotionelle Bindungen: Burgen, Ruinen, Schlösser,
Klöster, Kirchen, Brunnen, Brücken, Stadttürme,
Prangersäulen, Rathäuser, Schulgebäude,
Aussichtstürme, Schutzhütten, der Hausberg,
und was immer da an Signifikantem in Frage kommt,
es würde den Rahmen sprengen, sie alle aufzuzählen.
Auf einige sei jedoch beispielhaft hingewiesen. Dabei
gilt es zu bedenken, daß die Leute damals ja
nicht weit über den Heimatort hinaus kamen, es
fehlte die Mobilität, die das Auto uns heute
gestattet. In der Welt ein wenig herumgekommen sind
in den zwanziger Jahren bloß die Kriegsteilnehmer.
Die Darstellungen auf den Notgeldscheinen waren so
ein probates Mittel, die Kenntnis der engeren und
weiteren Heimat zu vertiefen und heimatkundliches
Interesse zu wecken. So wurden alle berühmten
Klöster und Stifte Niederösterreichs zum
Beispiel, sogar die aufgelassen (Kartause Gaming,
Säusenstein, Ardagger), als Motiv für die
Kassenscheine verwendet: Seitenstetten, Melk, Göttweig,
Klosterneuburg, Lilienfeld, Heiligenkreuz und Zwettl.

Stadtgemeinde
Eggenburg, 20 Heller / Dorfgemeinde Egelsee, 50 Heller

Gemeinde
Stefanshart, 50 Heller
Gemeinde Dornbach, 10 Heller
Das markanteste Bauwerk jedes größeren
Ortes war bis in unser Jahrhundert zweifellos die
Pfarrkirche. Fast in jeder Notgeldserie scheint sie
daher auf, im Ensemble mit dem übrigen Ort, als
Teilansicht, wenn es sich um ein typisches Motiv handelt
(der Blick durch die Schwibbogengasse auf den Kirchenberg
in Mistelbach ist heute noch auf jeder Ansichtskarte
zu finden), freistehend am Berg (Hollenstein) oder
künstlerisch bildhaft gestaltet. Viele hat in
den letzten Jahren die rege Bautätigkeit unserem
Blick entzogen, manche wurden umgebaut, vergrößert,
modernisiert oder gar durch einen Neubau ersetzt wie
in Stefanshart, auf dessen Kassenscheinen noch die
alte, 1959/60 demolierte Kirche zu sehen ist.
Als Juwel kann die kleine gotische Kirche Imbachs
im Kremstal bezeichnet werden, berühmt vor allem
durch ihre alte, klangschöne Orgel. Die Imbacher
nahmen darauf auf ihrem 20-Heller-Schein Bezug:
Wir schufen in Imbach eine Quelle des Lichts
Und schufen auch Geld aus dem Reiche des Nichts.
Doch was wir geschaffen wird halten und dauern
Wie unserer Kirche ehrwürdige Mauern.
(Ernst Otto Karl)
Zu den sakralen Flurdenkmälern hatte man noch
starke Beziehung. Unzählige Orts- und Wegkapellen,
Steinkreuze, Marterln und Bildstöcke fielen in
den letzten Jahrzehnten dem Straßenbau zum Opfer,
und erst die jüngste Nostalgiewelle bewirkte
bei den Verantwortlichen - zaghaft zwar - ein Umdenken.
1920 aber schätzte man sie noch als Zeugen unverdorbener
Volksfrömmigkeit, was in der häufigen Verwendung
dieser Motive auf den Notgeldscheinen auch seinen
Niederschlag fand. So zeigt Steinaweg zum Beispiel
eine Bildsäule und eine Dorfkapelle, Buch bei
Wolfpassing und Texing eine Wegkapelle, ebenso Dornbach,
wo noch Ende des 18. Jahrhunderts Tausende Wallfahrer
in Prozessionen nach Maria-Lanzendorf pilgerten.
Daß man in der eben erst geborenen Republik
noch stark der Kaiserzeit verhaftet war, davon zeugen
die zahlreichen Abbildungen kaiserlicher und herrschaftlicher
Schlösser: Artstetten als Begräbnisstätte
Franz Ferdinands und seiner Gattin Sophie, Droß,
Haidershofen, Judenau, Maissau, Obergrafendorf, Oberhollabrunn,
Purgstall, Sitzenberg, Strengberg, Viehofen, Wang,
Weinzierl, Wolfpassing, um nur einige zu nennen. Eckartsau
überschrieb das Bild des Schlosses wehmütig
mit „Kaiser Karls letzter Aufenthalt in Österreich".
Die Burgen und Schlösser entlang der Donau sind
ebenso vertreten wie die des Waldviertels, der Buckligen
Welt, der Thermenalpen und des Wienerwaldes. Manche
sind seither verfallen oder wurden renoviert und wiederbelebt
wie die Feste Liechtenstein, die Araburg und Plankenstein
bei Texing, andere wieder sind in den Jahren nach
dem
Zweiten Weltkrieg zur Fremdenverkehrsattraktion geworden,
etwa die Burgen am Kamp.

Erinnerungen an die Kaiserzeit ruft der 50-Heller-Schein
der Gemeinde Eckartsau wach

Die Feste Plankenstein ziert das Notgeld der Gemeinde
Texing
Um die Jahrhundertwende entstand zwar eine Reihe ausgezeichneter
Heimatkunden und Ortschroniken, sie waren aber allein
schon aus Kostengründen sehr wenig bebildert.
Nur eine kleine Minderheit hatte Kenntnis von alten
Ansichten auf Stichen oder Gemälden. Umso notwendiger
erschien es, auch diese zum Schmuck der Notgeldzettel
heranzuziehen. Ein Merian-Stich von 1627 wurde von
Mannersdorf verwendet, am häufigsten aber dienten
die Vischer-Stiche aus der Zeit um 1670 als Vorlagen,
zum Beispiel für die Scheine von Erlaa (Kloster,
1672), Fran¬kenfels (Weißenburg), Jeutendorf
(Schloß, 1672), Maissau, Rainberg, Wang. Die
Gemeinde Sparbach nahm Waldmüllers berühmtes
Gemälde „Rückkehr von der Kirchweih"
als Vorlage, weil es ein Motiv aus Sparbach zeigt.
Loosdorf erinnerte sich der Herren von Losenstein,
die einst auf der Schallaburg saßen und dem
Ort den Namen gaben, Neuhofen an der Ybbs bezog sich
auf die Erneuerung seiner „Erb-Markt-Freyung",
und Alland rief die Tragödie von Mayerling ins
Gedächtnis. Der 20-Heller-Schein der Gemeinde
Straß zeigt vorne die Ruine, auf der Rückseite
liest man den Vers
Nur
mehr ein Rest der Mauer
Kündet von vergang'ner Zeit,
Allwo die stolzen Falkenberge
Gehaust in Ritterherrlichkeit.
Zu
den Zeugnissen der Geschichte zählen auch die
Denkmäler. Sie erinnern uns oder mahnen - je
nachdem -an historische Taten oder besondere Leistungen
unserer Väter. Kriegerische Ereignisse, egal
wie sie ausgingen, gehörten unmittelbar nach
dem Ersten Weltkrieg noch zu den „Leistungen".
Das Kriegerdenkmal in Deutsch Wagram war vor der Monumentalkapelle
die zweite Erinnerungsstätte an das Heldenjahr
1809, wo alljährlich am 6. Juli der Gefallenen
gedacht wird, jenes von Dorf Seitenstetten steht bereits
für die Opfer der Weltkriegsjahre 1914—1918.
Atzenbrugg zeigt sein Schubertplätzchen, Gneixendorf
hält das Beethovendenkmal und Tullnerbach das
Kreßdenkmal im Bilde fest. Kirchberg am Walde
und Schrems ehrten den Dichter Robert Hamerling. Die
Kirchberger Scheine zeigen neben dem Geburtshaus und
der Gedenkstätte auch den Dichter selbst, der
in Beantwortung der Grußworte, die man ihm anläßlich
der Weihe seines Denkmals in Schrems (es steht heute
noch am Vereinsberg) nach Graz sandte, ein Telegramm
folgenden Inhalts aufgab:
Bruderkuß
Euch Landsgenossen,
Gruß Dir, teure Heimaterde.
Wie mein Bild Du trägst,
trag ich Deines in mein Herz geschlossen.
Diese
Verse haben die Schremser nicht nur unter Hamerlings
Büste verewigt, sondern auch auf einem Kassenschein.

Kronenschein der Gemeinde Kirchberg am Walde mit
Porträt des Dichters Robert Hamerling

Volksschulgebäude
und Rollfähre als Bildmotive der Kassenscheine
Marbachs an der Donau
Wie
die Rathäuser (Amstetten, Dunkelstein, Ebreichsdorf,
Gumpoldskirchen u. a.) fielen damals auch die neuen
Schulen in die Kategorie der Großbauten. Fand
man sie vor nicht allzu langer Zeit noch häßlich,
so erscheint uns heute selbst der dürftigste
Landschulbau stilvoll im Vergleich zur rein zweckbestimmten
Bauweise unserer Tage. 1920 war auch Marbach an der
Donau froh, trotz schwerer Zeit eine neue Volksschule
erhalten zu haben. Stolz präsentierte man den
Neubau auf der ersten Serie der Kassenscheine. Die
Marbacher Schule ist inzwischen zu einer denkmalgeschützten
Besonderheit geworden, handelt es sich doch um das
Erstlingswerk des berühmten Architekten Clemens
Holzmeister, der 1976 noch selbst die Fassadenrenovierung
leitete.
Besonderes Augenmerk wurde auch der heimatlichen Landschaft
geschenkt. So steht die Lebensader des Landes, die
Donau, im Mittelpunkt der Darstellungen auf den Notgeldscheinen
der Donauorte von Wallsee bis Hainburg. Maria Laach
am Jauerling zeigt außer der Wallfahrtskirche
und dem Heiligtum auch die Jauerlingwarte und schreibt
dazu:
Wer
immer auf den Jauerling gestiegen oder fuhr,
pries stets die herrliche Natur.
Allein, ob unten oder oben,
Sollst doch nur Gott, den Schöpfer, loben.
Nicht
selten auch verband man auf den Bildern Ortsbild und
Landschaft. Das gilt für das sanfte Hügelland
des

Verbindung von Ortsbild und Landschaft: Gemeinde
Wallsee an der Donau, 180 Heller

10-Heller-Schein
der Gemeinde Maria Laach mit Jauerlingwarte

Gemeinde Burgschleinitz, 10 Heller
Wienerwaldes, für die Fels- und Föhrengegend
zwischen Mödling und Baden, das Kamp- und Kremstal
und das übrige Waldviertel ebenso wie für
das wellige Mostviertel bis hin zur Alpenlandschaft.
Motive dieser Art waren besonders beliebt, hat doch
zu Beginn unseres Jahrhunderts die Wanderbewegung
der Romantik wieder neuen Auftrieb erhalten. Solchen
Tendenzen trugen nicht nur die Gemeinden Göstling
und Altenmarkt Rechnung, die auf ihren Scheinen die
Steinbach- bzw. die nicht minder schöne Ysperklamm
zeigen.
Das Weinviertel war in dieser Hinsicht eher benachteiligt;
es konnte weder mit Gipfeln noch mit Schluchten aufwarten.
Die Liebe der Weinviertier Menschen zu ihrer Heimat,
den fruchtbaren Lößhügeln, Feldern
und lehmigen Stadelgassen, war dennoch nicht geringer
als anderswo; der 10-Heller-Schein der Gemeinde Burgschleinitz
legt dafür beredtes Zeugnis ab.
Doch nicht nur „in Bildern schmuck", auch
in Versen wurde der heimatlichen Landschaft Reverenz
erwiesen. Auf seinem 20-Heiler-Schein preist Rossatz
die Wachau
Auf
den Bergen grüne Reben,
Sonne strahlt vom Himmel blau,
Gold'nen Wein, ein frohes Leben
Hat der Herrgott uns gegeben!
Fremdling, das ist die Wachau!

50-Heller-Schein der Gemeinde Göstling an
der Ybbs mit Steinbachklamm
und Schönau an der Triesting lobt
Ein schönes Stück Heimat Ist unser kleiner
Ort.
Es bezeugen dies Träumer In Liedern und Wort.
Ihr Liebhabersammler
bewahrt's wie 'nen Schatz.
Und reiht unser Notgeld
An den all'ersten Platz.