Hand
aufs Herz! Geht es uns nicht allen so, daß die
Freude am Besitz schöner Dinge nur halb so groß
ist, solange niemand sonst davon Kenntnis hat? Die
Freude will geteilt, der Schatz bewundert, man selbst
beneidet sein. Das gilt für den Briefmarkensammler
ebenso wie für ein Kommunalwesen, das über
besondere Kulturschätze oder landschaftliche
Reichtümer verfügt. Vermutlich ist das auch
der insgeheime Grund vieler Gemeinden, für ihren
Ort Werbung zu treiben und Gastlichkeit zu üben.
Und so wie ein Ehemann gern erzählt, seine Frau
nur geheiratet zu haben, weil sie so schön sei,
aber daß sie ein Vermögen mitbrachte, sei
auch kein Fehler —, waren Einnahmen aus dem
Fremdenverkehr natürlich willkommen, zur Triebfeder
wurden sie sicher erst nach und nach.
So rückten auch viele Gemeinden auf ihren Notgeldscheinen
die landschaftlichen Reize in den Vordergrund (Göstling,
Mitterbach, Kirchberg an der Pielach, die Wachaugemeinden
u. a.), rühmten Gastfreundschaft und Güte
des Weines. Allen voran Baden, das eine lange Fremdenverkehrstradition
besaß. Der 20-Heller-Schein der Kurstadt trägt
folgenden Werbeslogan:
Für
Kranke den Schwefel,
Für Gesunde den Wein:
So kann ich ein Kurort
Für jedermann sein.
Die
Mehrzahl der Gäste Badens kam aus Wien, wie überhaupt
die Südbahnstrecke das Ausflugsgebiet der Wiener
war.

Stadtgemeinde Baden, 50 Heller

Rührt die Werbetrommel fürs Pielachtal:
Gemeinde Kirchberg, 10 Heller (Rückseite)

Einem
Fremdenverkehrsprospekt in Aufmachung und Textierung
gleicht der 80-Heller-Schein der Gemeinde Hinterbrühl.
Er zeigt am Avers das Hotel Radetzky …

… und auf der Rückseite die Burg Liechtenstein

Beklagt den drohenden Verlust landschaftlicher
Schönheit: Lunz am See, 20 Heller
So setzte auch Hinterbrühl auf den Wiener Gast
und versuchte, den Fremdenverkehr nach den mageren
Kriegsjahren wieder anzukurbeln. Man warb mit der
Ruine Mödling, dem Weißen Kreuz, dem Julienturm,
dem Römerturm und der Burg Liechtenstein auch
auf den Notgeldscheinen.
Mit der Landschaft zu werben, wäre der Gemeinde
Lunz am See wohl schwergefallen, hätte man das
Projekt eines Kraftwerkes damals verwirklicht. 1920
stand die Sache noch unentschieden, wie schwer dieses
Vorhaben die Bevölkerung aber getroffen hätte,
davon zeugt das folgende Gedicht auf dem Notgeld dieses
heute so gut besuchten Fremdenverkehrsortes:
Bald
ist zu End des Berg-Sees Herrlichkeit,
Sie wird zerstört in ach schon kurzer Zeit.
Sie wird geopfert nun für Kraft und Licht,
Wärs Wunder da, wenn schier das Herz uns bricht.