Nirgendwo
deutlicher als in den bunten Kassenscheinen spiegelt
sich die politische Szene des Jahres 1920. Der verlorene
Krieg, der Untergang der Donaumonarchie, die neue
Konstellation in Europa, sie haben die politischen
Gefühle der Massen aufgewühlt, die Wirtschaftskrise
tat noch das Ihre hinzu, man suchte nach Sündenböcken
und glaubte sie gefunden zu haben: in den Siegermächten,
Generälen, Kriegsgewinnlern und den Juden. Antisemitismus
und Großdeutschtum machten sich breit, der Anschlußgedanke
beherrschte weite Kreise der Bevölkerung.
Wer
ist's in unserem Narrenstaat,
Der so verfahr'n den Karren hat
fragt
man sich in Rossatz (10-Heller-Schein), und schon
hat Vitis (20-Heller-Schein) eine Antwort auf diese
Frage parat:
Es
stellen jetzt die Notenpressen
Milliarden Noten her,
Doch das Volk hat nichts zu essen,
D' Kronen fallen immer mehr.
Gold und Silber und Brillianten
Kann man nimmermehr erfrag'n,
Das hab'n unsere Herrn Briganten
Alles schon ins Ausland trag'n.
Die Erd'n wird im Drah'n net irre,
Notenpressen, druckt nur fort,
Aber Franken, Dollar, Lire,
Denn den Goldschatz hab'n's schon dort.
Und noch deutlicher auf dem 50-Heller-Schein dieses
Ortes:
Durch
des Krieges Last und Schrecken
Hab'n wir zum leb'n nix mehr,
Greifen nun zum Bettelstecken,
Fechten in der Welt umher.
Die Franzosen und die Briten
Hab'n unser Volk tyrannisiert,
Unser Landl z'samm geschnitten
Unsern Wohlstand ganz ruiniert.
Erd'n, drah' di' amol g'schwinder,
Damit die Stunde schlügt recht bald,
Wo die frechen Völkerschinder
Alle z'samm der Teufel holt.
Das
waren nun Töne, die man wenig später umso
lauter hören sollte. Zweifel an der Existenzfähigkeit
des neuen Staates wurden wach, der Anschluß
an Deutschland zum Allheilmittel erklärt, ja
das Großdeutschtum zum einigenden Band sonst
gegensätzlicher politischer Gruppierungen.
Wo
der Strom der Nibelungen
Zwischen Rebenhängen zieht,
Ward für ew'ge Zeit gesungen
Deutscher Treue hohes Lied.
Deutsch in Lied und Tat zugleich,
Bleibe treu, Deutschösterreich!
ließ
sich Senftenberg im Stil der Burschenschaftslieder
vernehmen.

Stadtgemeinde
Maissau, 20 Heller
Die Wachau war von jeher eine Hochburg national-liberaler
Gesinnung, mit dem Zentrum Krems, wo in den Jahren
1918 bis 1920 viele national orientierte Mittelschulverbindungen
entstanden. Auch die Mittelschüler katholischer
Provenienz pflegten zunächst dieses Gedankengut.
Man zitierte Scheffel, Hamerling und andere einschlägige
„völkische" Schriftsteller, von Ottokar
Kernstock zum Beispiel stammt der Spruch auf dem 10-Heller-Schein
Weißenkirchens
Deutsch
sein und zusammenhalten,
alles andre wird Gott walten!
Im
Großdeutschtum sah man eben den Rettungsanker
- und erging sich im Grunde doch nur in Deutschtümelei
und Germanophobie, wie Maissau beispielsweise und
Rossatz auf ihren 20- bzw. 50-Heller-Scheinen deutlichmachen:
Ob
wir in Not und Schmach versunken,
In blutigem Hader uns entzweit,
Uns blieb ein lichter Gottesfunken,
Der Traum der „deutschen Herrlichkeit".
Josef Schmid
Durch
die Lüfte rauscht ein Mahnen,
Immer lauter dringt's herein:
„Reicht die Hände euch Germanen
An der Donau und am Rhein!"

Antisemitismus als kleinbürgerliches Ressentiment:
10-Heller-Schein des Kaufmanns Rupert Seidl in Gottsdorf
an der Donau

Rückseite
des 50-Heller-Scheines des Schutzvereins „Antisemitenbund“
Amstetten
Die
logische Konsequenz solch wirrer Vorstellungen war
der Antisemitismus. Und wenn ein kleiner Kaufmann
aus Gottsdorf auf sein Notgeld schreiben lässt
Den
Kassenschein, den du da siehst,
Bekommst in meiner Bude
Statt Kupfer oder Nickelgeld,
Denn dies hat längst der Jude.
so
unterstreicht dies nur die gerade im Kleinbürgertum
latent verborgene judenfeindliche Haltung, die nach
und nach auch von der Intelligenz Besitz ergriff.
Was Schönerer einst säte, begann zu keimen.
Das Ernteergebnis ist uns bekannt.
So spiegelt sich, gleichsam als Momentaufnahme, in
den bunten Notgeldscheinen das Jahr 1920, und man
kann ruhig den Vers gelten lassen, den die Gemeinde
Gars am Kamp ihrem 50-Heller-Schein mit auf den Weg
gab:
In
Bildern schmuck sowie in Versen
Füll ich als Notgeld Eure Börsen.
O, schätzt mich hoch in Ewigkeit:
Ich bin das Denkmal dieser Zeit!