Groß
war die Not, die Sorge um Arbeit und das tägliche
Brot allgegenwärtig. Das Volk litt Hunger, es
gab kein Brennmaterial, das Geld wurde von Tag zu
Tag weniger wert, gespartes Vermögen schmolz
in nichts zusammen, Schulden - man kannte keine Wertsicherung,
die sich nach einem bestimmten Index richtete - wurden
mit einem Pappenstiel beglichen, Arbeit war schwer
zu finden. Am härtesten traf es die Stadtbevölkerung,
doch auch am Land galt schon als privilegiert, wer
für seine Ziege einen Pachtgrund am Bahndamm
ergattern konnte. Umso erstaunlicher die Kraft und
die Zuversicht, mit der man der Wirtschaftskrise an
den Leib rücken wollte. Die Notgeldscheine wissen
ein Lied davon zu singen!
Die goldene Firmungsuhr gegen ein Häfen Schmalz!
Wer kennt nicht aus den Erzählungen der Eltern
oder Großeltern die Geschichte vom Familienvater,
der nach vielstündigem Hamstergang todmüde,
aber glücklich mit ein paar Kartoffeln und Eiern
heimkehrt. Man sagt den Bauern aus dieser Zeit nichts
Gutes nach, verdammt ihre Habgier und Hartherzigkeit.
Wen wundert es, bei den Heerscharen, die täglich
an die Tür pochten! Es wäre unmöglich
gewesen, sie alle zu beteilen. Und dennoch: Trotz
aller Auswüchse, blühenden Schleichhandels
und ungleicher Tauschgeschäfte war es der Bauernstand,
der so viele Menschen damals über Wasser hielt.
So weisen denn auch die Gemeinden des Mostviertels
in ihrem Notgeld ausführlich auf die Bedeutung
der Landwirtschaft hin: die ihre Sense schärfende
Schnitterin auf den Scheinen von Kollmitzberg, der
Stier auf der Vorderseite des 10-Heller-Zettels der
Landgemeinde Waidhofen an der Ybbs, mit dem launigen
Spruch am Revers:
Als
Sinnbild der Gemeindekassen
Gilt mancherorts der Stier,
Beziehet Kassenschein' in Massen,
Dann ändert sich das Wappentier.
Auf
dem 60-Heller-Schein dieser Gemeinde fährt ein
hochbeladener Heuwagen vor, für Ollersbach skizzierte
J. Kränzl die Getreideernte, die Gutscheine von
St. Leonhard am Forst/Ruprechtshofen umrahmen in kleinem
Oval einen pflügenden Bauern bzw. einen Erntewagen,
Schönbichl und Zeillern verwenden für ein
ähnliches Motiv sogar dasselbe Klischee, und
stellvertretend für das Waldviertel läßt
die Ortsgemeinde Gerotten und Pötzles (heute
Stadtgemeinde Zwettl) ein Pfluggespann ackern.
A
schwarz' Stückl Brot
und a guats Krügl Most
Is für unsere Landsleut
Dö allerliebst Kost
schrieb
die Gemeinde St. Johann in Engstetten auf ihre Kassenscheine.
In obstreichen Gegenden war der Most nicht nur Haustrunk,
sondern auch ein Produkt, das dem Bauern Nebeneinkünfte
garantierte. In allen Gasthäusern wurde Most
ausgeschenkt, die Arbeiter, die kleinen Angestellten,
sie holten sich dieses erfrischende Getränk im
Eimerfaß nach Hause, von ihrem Bauern natürlich.

Marktgemeinde Oed, 20 Heller
Gemeinde Tausendblum, 20 Heller

Gemeinde
Abetzberg, 50 Heller
Gemeinde Weistrach, 20 Heller
Mosterzeugung wie Obstbau mußten so adäquate
Berücksichtigung auch auf den Notgeldscheinen
finden, in Wort und Bild. Abetzbergs Scheine zieren
stilisierte Mostfässer, von Obstbäumen umrankt.
Preinsbach weist mit einer Presse, Äpfel, Birnen
und der Aufschrift „Obstbau" auf diesen
Erwerbszweig hin, während Weistrach im Comic-Stil
den Bauern selbst zu Wort kommen läßt.
Inzwischen ist der Obstbau stark zurückgegangen,
die Birnbaumalleen mußten dem Straßenbau
weichen, und die vielen Mostobstbäume auf den
Wiesen und Feldrainen standen den motorisierten Ackergeräten
im Wege. Der Weinbau hingegen nahm ungeheuren Aufschwung;
schon 1920 war er ein wesentlicher Faktor der niederösterreichischen
Wirtschaft. Die Wachau, das Krems- und Kamptal, das
Weinviertel und die Südbahnstrecke haben demnach
auch den Wein in die Gestaltung des Notgeldes einbezogen:
Weinlaub, Ranken und Reben umrahmen die Ortsansichten,
Flasche und Römerglas ergänzen das Gesamtbild.
Wein war nicht das Getränk des kleinen Mannes,
sondern seltener und festtäglicher Genuß.
Daß er mit steigender Inflation immer teurer
wurde, inspirierte Langenlois (10-Heller-Schein) zu
diesen Versen:
Aus
Papier die ganze Welt,
Warum nicht auch das Loiser Geld.
Für diese Scheine kriegst du Wein,
Doch müssen ihrer viele sein.
Poysdorf schlug mit dem folgenden Vierzeiler in dieselbe
Kerbe:
In
Poysdorf liegt manch Tropfen Wein,
Doch mangelt es am Gelde klein;
Drum schicken wir dies Blättchen aus,
Aus vielen wird ein Gläschen draus.
Ähnliches
liest man auch auf dem 50-Heller-Schein des bekannten
Weinortes Straß:
Straßer
Wein hat Geist und Feuer,
Nur is er halt a bißl teuer.
Doch wennst gnua solche Zettln hast,
Bist dort a gern geseh'ner Gast.
Weinzierl
am Walde (10 Heller) brachte nach einem Entwurf von
F. Rohrhofer Weinhauerhäuser, umrahmt von Weinlaub
und Reben, Retz nahm nur in der grafischen Auszier
Bezug auf den Rebensaft und in einem Spruchband heißt
es:
Du
alte Stadt, bekränzt von edlen Reben,
verzage nicht, da Feinde dich umgeben.
Dein köstlich Naß gibt Trost und Mut.
Deutsch bleibt der Sinn, das höchste Gut.

Wein
und Weinbau in der Notgeldgestaltung: Zwei Beispiele
aus Maria Enzersdorf (10 Heller) und Kammern am Kamp
(20 Heller)

Weißenkirchen in der Wachau, 60 Heller (dritte
Serie)
Weniger pathetisch war man in Röschitz; dort
schrieb Seybold folgende Verse auf den 50-Heller-Schein:
Die Röschitzer Maderln,
Der Röschitzer Wein,
D' Engerln und der Rebenstock
Lad'n mi ein.
Da kann i net na sag'n,
Da muaß i schnell hin,
Und wann i zum Schluß a
Ohne Kassenschein bin.
Weißenkirchen
gab drei verschiedene Notgeldserien heraus. Die Motive
der dritten Serie sind seitlich mit Reben bekränzt,
auf Serie II meint man bloß kurz und bündig:
Geldnot,
- Notgeld, -
Dasein kläglich! -
Weinnot, - Notwein, -
Unerträglich!
(Just)
und
in liebenswürdiger Abwandlung der Hymne an den
Wein (Serie I)
Wenn
im Lenz der Obstbaum blüht,
Kommt mir immer in den Sinn,
Daß zur allerschönsten Frucht,
Reift doch die - Wachauerin!
(Just)