Nimm einen Wagen voll Geld2017-02-15T20:20:01+00:00

Hans Hagen Hottenroth

NOTGELD IN NIEDERÖSTERREICH
EIN GEBOT DER BITTREN NOT

NIMM EINEN WAGEN VOLL GELD

Die Sprüche und Verse auf den Geldscheinen verdeutlichen recht anschaulich die Stimmung im Lande. Vom Sarkasmus bis hin zur feinen Ironie der Glosse reicht die Skala der Mittel, derer man sich bediente, um den Ernst der Lage zum Ausdruck zu bringen und sich zugleich darüber hinwegzutäuschen. So lesen wir auf dem Notgeld der Gemeinde Mautern diese Verse:

Nimm einen Wagen voll von Geld
Und fahr zum Einkauf in die Welt;
was du bekommst, braucht keinen Wagen,
das kannst du mit zwei Fingern tragen.
Kein Fleisch, kein Brot, kein Wein, kein Bier!
Wir haben gar nichts als Papier.
Das find ich wirklich ganz verruckt,
Daß man so viele Zettel druckt.
Ein Mittel kommt mir in den Sinn
Für unser ganzes Weh:
Mehr Arbeit heißt die Medizin
und weniger Juchhe!
Beim Kuckucksruf in Wald und Feld
Da klimpert ich mit dem blanken Geld,
Doch heuer hab ich den Kuckuck belauscht
Und still mit meinen Zetteln gerauscht.
Ein Sammler führte Scheine heim,
Gleich einen ganzen Karren.
Ich glaub die Welt ging aus dem Leim
Gäbs nicht auch solche Narren.
Halte stets dich an das Kleine,
Protzig ist nur das Gesindel.
Echt sind die Zehnhellerscheine
und die Tausender sind Schwindel.

In manchen Gedichten wieder klingt das Pathos künftiger politischer Auseinandersetzungen an. Die kleine Gemeinde Abstetten (heute Sieghartskirchen) belehrt den Besitzer ihrer 20-Heller-Scheine:

In jeder Not zusammenhalten,
Trotz allen Stürmen und Gewalten.

Die Not ist groß, die Hilfe weit,
Hilf dir selbst, du wirst befreit.

reimt ein Anonymus für Kirchberg am Wagram. Auf Gottes Hilfe hingegen baut der Kaufmann Ignaz Jamöck in Gösing am Wagram, der auf sein Privatnotgeld drucken ließ:

Not, Haß und Neid
Regieren diese Zeit.
Herr Gott, führ Du Dein Volk zurück
Zu Glück und Liebe und zur Menschlichkeit!
(H. A.)

Von demselben „H. A.“ stammt auch das Gebet auf den privaten Kassenscheinen des Bäckermeisters Franz Kronberger zu Hadersdorf am Kamp:

Herr Gott, die Not ist groß in unsern Gauen!
Gib, daß wir nicht verzweifeln am Vertrauen.
Gib, daß je tiefer Nacht und Not und Fährden,
Je höher duldend wir geläutert werden.
Und daß erstehe über Welt und Leid
Der Tag der Freiheit, Liebe, Menschlichkeit.

Zur wirtschaftlichen Lage meint Franz Kronberger:

Fünf resche Semmeln und noch eine sechste drauf
Gab für ein Sechserl ich dereinst in Kauf.
Die guten Semmeln sind ein Märchen schier geworden,
Das gute Sechserl ist nun zu Papier geworden.

Vom Brot schreibt auch die Gemeinde Abstetten, allerdings im übertragenen Sinn:

Wir grenzen an das Tullnerfeld
und leiden auch in herber Not.
Nun schufen wir papier’nes Geld
Zu kaufen drum das liebe Brot.

Und Gars auf der Rückseite des 50-Heller-Scheines:

Wir gleiten restlos immer schneller
Hinein ins große Defizit.
Und der papier’ne Notgeldheller
Der flattert sorglos heiter mit!

Wie in Gars wurde auch andernorts das Notgeld aufs Korn genommen, als Muster quasi ohne Wert:

Not zeuget dies Geld,
Das wie anderes regiert die Welt

meint man in Haizendorf, und Etsdorf – die beiden Gemeinden vereinigten sich am 1. Jänner 1970 zu Etsdorf-Haitzendorf – klagt:

Gold, Silber und das Eisen
Hat man uns weggenommen,
D’rum haben unsere Weisen
Das Papiergeld klug ersonnen.

Ähnliches verlautet aus Gars am Kamp (10h):

Goldkronen und die Silbergulden
Sind wie die Nickel längst verschwunden.
Drum haben wir zu unsern Schulden
die Notgeldwährung noch erfunden!

Auf die eigentliche Ursache der Notgeldausgabe, auf den Mangel an Rohstoffen und Metallwährungsreserven, ging Haizendorf auf seinem 50-Heller-Schein ein:

Niemand hätt‘ es je gedacht,
daß die Gemeinde Geld sich macht.
Das beste hat der Feind geholt
Wie Kupfer, Nickel, Silber, Gold.
An großen Noten gibt’s zwar viel
Doch Niemand sie gern nehmen will,
Denn sind sie auch zum Großteil echt,
So steht doch die Valuta schlecht.
Drum greift man heute allgemein
Zum wirklich sich’ren Kassenschein!

Das war zwar eine fromme Lüge, denn die Kassenscheine unterlagen genauso der Inflation wie die gesetzliche Währung, doch warb auch die Kurstadt Baden mit diesem Argument. Daß man sich schließlich damit abfand und sich half, so gut man eben konnte, beweist Gars am Kamp:

Das Hartgeld ist seit manchem Jahr –
O Jerum – überall sehr rar.
Was nützt das Jammern und das Betteln?
Wir drucken einfach Notgeldzetteln!

Auch in Kammern am Kamp meinte man dazu:

So manche große harte Nuß,
Der Mensch im Leben knacken muß!
Doch ist wohl unsere Sorge klein,
Wenn drucken wir den Notgeldschein!

Und Langenlois tröstete seine Bürger mit einem Spruch, der ebensogut aus unseren Tagen stammen könnte:

Bald sind wir oben, bald auch unt‘,
Die Welt ist eben kugelrund —
Bald ist’s Papier und dann Metall,
Genug hat man in keinem Fall.

Daß auch die Weitener ihren Humor nicht verloren haben, spricht für sie. Die Rückseite ihres 10-Heller-Scheines ziert folgender Vers:

Herr Hadubrand auf der Mollenburg
soff wie ein Loch in der Taverne.
’s gab gutes Bier und edlen Wein,
doch, Gott sei Dank, keinen Kassenschein.

Es fehlte auch nicht an treffendem Spott als das nach wie vor beste Mittel in Bedrängnis geratener Menschen, ihren Unmut loszuwerden. Hier drei Belege aus dem Kamptal:

Behalt‘ es gut, dann hast du schon Das Glück zur ersten Million,
Das wünscht euch, liebe Freunde,
Die druckende Gemeinde.
(Langenlois, 50-Heller-Schein)

Ein Bildchen vorn und auf der Hinterseite
Gibt ihm ein fröhlich Verslein das Geleite –
So tritt der vielbegehrte Kassenschein
Recht protzig in das Weltgetriebe ein.
(Gars, 20 Heller)

Manch‘ Kassenscheinchen faßt jetzt an
Der arge Währungsgrößenwahn,
Weil es den Stempelaufdruck „Echt“
Als wie ein — Tausender auch möcht.
(Gars, 10 Heller)