Mit Hacke und Pflug, mit Schlegel und Hammer

Mit Hacke und Pflug, mit Schlegel und Hammer 2017-02-15T20:07:49+00:00

Hans Hagen Hottenroth

NOTGELD IN NIEDERÖSTERREICH
EIN GEBOT DER BITTREN NOT

MIT HACKE UND PFLUG, MIT SCHLEGEL UND HAMMER

„Kraft und Arbeit“ war das Motto der Stunde! Die Bevölkerung, allen voran die Arbeiterschaft, war willens, dem jungen Staat auf die Beine zu helfen, sich und der Familie ein lebenswertes Dasein zu schaffen. Nicht zufällig wurden zu dieser Zeit Hammer und Sichel zum Symbol für ein besseres Leben.

Mit Hacke und Pflug,
Mit Schlegel und Hammer
Bekämpfen wir rastlos
Kriegsnot und Jammer

schrieb Göstling an der Ybbs auf seinen 50-Heller-Schein, und wenngleich es zunächst anders kommen sollte, war man doch guten Mutes.

Mit dem Slogan

Durch Arbeit zur Wohlfahrt

forderte auch Traisen die Bevölkerung auf, die Lethargie abzuschütteln, die sich aufgrund der jüngsten Ereignisse breiter Kreise bemächtigt hatte. Es waren dies Aufrufe aus dem Volk, von Leuten, die zufällig mit der Herausgabe des Notgeldes ihrer Gemeinde befaßt waren, und keine vom Staat ausgegebenen Parolen. Zum Staat und seinen Organen hatte man noch kein rechtes Vertrauen, die alte Ordnung war zerstört, eine neue noch nicht gefunden.

Dieses Mißtrauen spiegelt die Aufschrift auf dem 99-Heller-Schein der Gemeinde Sittendorf (im Wienerwald oder bei Langenlois?) wider:

Zu diesem Schein leg‘ einen Heller dazu,
Du hast die Krone, der Staat seine Ruh‘!

Positiver sah es die Gemeinde Sonntagberg. Sie rief auf der Rückseite ihres 10-Heller-Scheines eine alte Volksweisheit in Erinnerung:

Was sich soll klären,
Das muß erst gären.

So setzten vor allem die alten Industriegemeinden des Ybbs-, Erlauf- und Traisentales all ihre Hoffnungen auf das moderne Hüttenwesen. Vor allem der Markt Ybbsitz (20 Heller) gab sich zuversichtlich und selbstbewußt. Ihm gelang der Übergang von der traditionellen Kleineisenindustrie zu zeitgemäßen Produktionsformen in der Tat auch sehr gut.
Eine besonders malerische Ansicht der Böhlerwerke zeigt ein Schein (30 Heller) der Landgemeinde Waidhofen an der Ybbs, dessen Rückseite folgendermaßen auf den tristen Geldwert Bezug nimmt:

Bedenk‘ o Christ, Jud oder Heid
Du näherst dich stets der Ewigkeit.
Willst du vorher noch die Schulden begleichen,
So kannst du das nur mit Papiergeld erreichen.

Gewiß zeichneten für derlei Bild-Spruch-Kombinationen weder Werbemanager noch Psychologen verantwortlich. Die Absicht ist dennoch deutlich erkennbar, nämlich den Menschen den Eindruck zu vermitteln, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, und zweifellos ließen sich mit einem Schuß Ironie und Humor auch die trotz allem zur Schau getragenen Optimus dennoch ernsten Zweifel und Sorgen leichter ertragen.

Die Eisenindustrie bildete auch die wirtschaftliche Grundlage für St. Ägyd am Neuwald – der 10-Heller-Schein zeigt den alten Niststahlofen -, und auch auf dem 50-Heller-Schein der Stadt St. Pölten (3. Auflage) rauchen die Fabriksschlote.
Nur wenige Hinweise auf Industriebetriebe kommen aus dem Viertel unter dem Wienerwald. Lediglich der 20-Heller-Schein von Enzesfeld hält die Munitionsfabrik und die Metallwerke dieses Ortes im Bilde fest, doch doppelt interessant, weil heute nur mehr Teile der Ansicht von 1920 erhalten sind.
Selbstverständlich gab es auch andere wesentliche Industriezweige, die aber auf den Notgeldscheinen nur in geringem Maße ins Bild kamen. Als Symbol des Ortes Kematen prangte die 33 Meter hohe Steinbrücke auf den Hellerscheinen, in deren Pfeilerbogen die Papierfabrik zu sehen ist, Groß-Siegharts‘ Notgeld trägt die Aufschrift „Bandlkramerlandl“ und zeigt einen Weber am Webstuhl.

Die Präzisions-Bolzen-G.m.b.H. Melk wiederum stellt sich in ihrer Privatausgabe selbst vor; auf der Rückseite der Scheine gaben die Gesellschafter, die für die Einlösung hafteten, Parolen zur Hebung der Arbeitsmoral aus, zum Beispiel diese:

„Nur konzentrierte größte Leistung und Bewältigung eines genau umrissenen hohen täglichen Pensums in kurzer Arbeitszeit, kann die menschliche Gesellschaft aus dem Zustande der Armut herausführen.“ Unterschrift: Ing. Franz Walenta.