Heimset fleißig ein2017-02-15T20:26:51+00:00

Hans Hagen Hottenroth

NOTGELD IN NIEDERÖSTERREICH
EIN GEBOT DER BITTREN NOT

HEIMSET FLEIßIG EIN

Längstens Mitte des Jahres 1920 wurde offenkundig, daß mit den Kassenscheinen ein gutes Geschäft zu machen war, da die Sammeltätigkeit ein ungeahntes Ausmaß angenommen hatte. Viele Gemeinden spekulierten nun unverhohlen damit, die Scheine nicht mehr einlösen zu müssen oder gaben (nach dem Verbot) neue nur zu Sammelzwecken aus. Dabei kam man auf die tollsten Ideen. So stellte die Gemeinde Hadersfeld im Wienerwald Notgeld aus Sperrholz her!
Auf vielen Ausgaben wurden die Sammler direkt angesprochen, sofern man die Sammelwut nicht gar glossierte, wie dies Straß auf seinem 10-Heller-Schein tut:

Urahne füllt mit gleißendem Silber und Gold
Strümpfe und Taschen,
Wir mit papierenen Scheinen,
Albums und Kassen.

Der 10-Heller-Schein der Gemeinde Haizendorf zeigt das Schloß Grafenegg. Der Spruch auf dessen Rückseite nimmt die Freude des Gemeindekassiers vorweg:

Den Sammlern zur Freude,
Den Wirten zum Groll,
Den Fechtern zum Leide
Der Gemeinde zum Wohl.

Als Weinzierl am Walde am 1 3. Juni 1920 beschloß, auch eigenes Notgeld herauszugeben, wußte man in der Gemeinde schon ganz genau:

Das Weinzierler Notgeld wird überall verlangt,
Zu Berg und zu Tal, zu Wasser und zu Land!
Es steuert die Geldnot und erfreut auch beileib
Einen jeden Sammler, Mann, Kind und Weib!

Offen und ehrlich bekannte Göstling auf seinem 10-Heller-Schein, was es von seinen Bürgern erwartet:

Im 20er Jahr die Not mich gebar,
Will bringen dir Glück,
gib mich nicht zurück.

Der Spruch aus Baden:

Hast Du an Notgeld Überfluß,
Es schafft Dir sicher nicht Verdruß:
Für jeden alten Kassenschein
Tauschst eine Menge Geld Du ein.

spielt darauf an, daß die Notgeldscheine teilweise schon weit über ihrem Nominalwert gehandelt wurden. Unwillkürlich drängt sich hier der Vergleich mit den Sondermünzen der siebziger Jahre auf, vor allem was den Goldtausender betrifft.
Auch Kammern am Kamp hofft, daß sein Notgeld „Flügel kriegt und über alle Berge fliegt“, die Gemeinde Abstetten richtet an die Sammler die Bitte

Heimset fleißig ein
Ihr Sammler all!
Nehmt auch un’sre Schein‘
Auf jeden Fall!

und auch Weiten ersuchte auf dem 20-Heller-Schein

Sagt’s es weiter allen Leuten,
’s gibt Kassenscheine auch in Weiten.

Der schon mehrmals erwähnte Monogrammist H. A. dichtete für Bäckermeister Kronberger aus Hadersdorf mit viel Verständnis für die Sammelleidenschaft folgenden Vers:

Sammeln wir doch soviel Dinge,
Die wir nicht zum Sammeln schafften:
Warum nicht die flatterhaften
bunten Notgeldschmetterlinge?

Von ihm stammt auch der Text auf dem 10-Heller-Schein des Kaufmanns Ignaz Jamöck zu Gösing am Wagram:

Her damit, her!
Und immer mehr!
So werden Menschen zu Hyänen.
Sie lechzen; aber nicht nach Blut.
Nur keine Angst vor ihren Zähnen. –
Sie haben nur die Sammelwut!
Notgeld her! Notgeld her!

Doch selbst die angespannte Lage auf dem Papiermarkt vermochte die Notgeldflut vorerst nicht einzudämmen, wenngleich man sich verschiedentlich Gedanken darüber machte, wie das denn weitergehen soll. Welche Konsequenzen drohten, sah zumindest die Gemeinde Hadersdorf klar voraus:

Neugierig bin i, was jetzt nacha g’schieht,
Wann d‘ Welt unser Notgeld aufliegen sieht,
aber das is ganz sicher und das is ganz klar,
Daß vor lauter Druck’n ’s Papier wird jetzt gar.

Tatsächlich trat dann Mitte 1920 eine Konferenz der Zeitungsverleger und Buchdrucker zusammen, die sich mit der Papierknappheit im Lande auseinandersetzte, und auch in der offiziellen Begründung für das Verbot, weitere Notgeldausgaben drucken zu lassen, wurde dieser Aspekt betont.