Gruß dir, teure Heimaterde2017-02-15T19:56:40+00:00

Hans Hagen Hottenroth

NOTGELD IN NIEDERÖSTERREICH
EIN GEBOT DER BITTREN NOT

GRUSS DIR, TEURE HEIMATERDE

Wenn man die Notgeldausgaben nur nach dem Inhalt der Darstellung betrachtet, also Rankenwerk und Zierleisten wegläßt, ebenso Beschriftung und Wertangabe, ja wenn man selbst von der künstlerischen Qualität dieser Kleingrafik absieht, bleibt dennoch eine wesentliche Aussage über.
Historisches (alte Ansichten, Schlösser, Burgen, Pranger), die vertraute engere Heimat (Ortsansichten, Wahrzeichen, Landschaft), Erwerbsmöglichkeiten und Arbeitsvorgänge (Landwirtschaft, Industrie und Handwerk), die politische und wirtschaftliche Situation (Resignation, Hoffnung und Zuversicht, Sarkasmus und Spott), das alles muß starke Signalwirkung ausgeübt haben. Sie stellten zeichenhaft Grundwerte unseres Lebens dar, deren man in dieser schwierigen Zeit dringend bedurfte: Heimatgefühl und beginnendes Staatsbewußtsein, Arbeit und tägliches Brot, Sicherheit und Geborgenheit, Bewältigung der Zeitumstände und Selbstfindung.

Das war es letztlich, was die Bevölkerung zu diesem Sammelboom ungeahnten Ausmaßes veranlaßte.
Das gegebene und daher auch am häufigsten verwendete Motiv war die Heimat, der Heimatort, nach Fotografien (Türnitz, Eschenau, Lilienfeld, Herzogenburg), in der Mehrheit aber nach Zeichnungen oder anderen künstlerischen Vorlagen liebevoll vorgestellt. Totalsansichten, Plätze, Straßenzüge und Einzelmotive wechseln einander ab. Es war die Zeit der damals noch jungen Ansichtskarte, und in eben demselben Stil und Variantenreichtum wird auf den Notgeldzetteln Ort für Ort dargestellt: Seit ihrer Gründung oft kaum verändert, hingeduckt in die Landschaft, von keinem störenden Neubau entstellt, die alten Fassaden und Giebel organisch gewachsen, zeigen sie sich in Kartuschen, Rankenwerk, Zierleisten im Stil der Zeit, kreisrund, oval oder einfach im Viereck gerahmt.
Der Stolz eines jeden Ortes ist sein Wahrzeichen, das vom Begriff „Ortsansicht“ kaum zu trennen ist. An das Wahrzeichen einer Gemeinde knüpfen sich historische, kulturelle, religiöse, in jedem Fall aber emotionelle Bindungen: Burgen, Ruinen, Schlösser, Klöster, Kirchen, Brunnen, Brücken, Stadttürme, Prangersäulen, Rathäuser, Schulgebäude, Aussichtstürme, Schutzhütten, der Hausberg, und was immer da an Signifikantem in Frage kommt, es würde den Rahmen sprengen, sie alle aufzuzählen. Auf einige sei jedoch beispielhaft hingewiesen. Dabei gilt es zu bedenken, daß die Leute damals ja nicht weit über den Heimatort hinaus kamen, es fehlte die Mobilität, die das Auto uns heute gestattet. In der Welt ein wenig herumgekommen sind in den zwanziger Jahren bloß die Kriegsteilnehmer. Die Darstellungen auf den Notgeldscheinen waren so ein probates Mittel, die Kenntnis der engeren und weiteren Heimat zu vertiefen und heimatkundliches Interesse zu wecken. So wurden alle berühmten Klöster und Stifte Niederösterreichs zum Beispiel, sogar die aufgelassen (Kartause Gaming, Säusenstein, Ardagger), als Motiv für die Kassenscheine verwendet: Seitenstetten, Melk, Göttweig, Klosterneuburg, Lilienfeld, Heiligenkreuz und Zwettl.

 

Das markanteste Bauwerk jedes größeren Ortes war bis in unser Jahrhundert zweifellos die Pfarrkirche. Fast in jeder Notgeldserie scheint sie daher auf, im Ensemble mit dem übrigen Ort, als Teilansicht, wenn es sich um ein typisches Motiv handelt (der Blick durch die Schwibbogengasse auf den Kirchenberg in Mistelbach ist heute noch auf jeder Ansichtskarte zu finden), freistehend am Berg (Hollenstein) oder künstlerisch bildhaft gestaltet. Viele hat in den letzten Jahren die rege Bautätigkeit unserem Blick entzogen, manche wurden umgebaut, vergrößert, modernisiert oder gar durch einen Neubau ersetzt wie in Stefanshart, auf dessen Kassenscheinen noch die alte, 1959/60 demolierte Kirche zu sehen ist.
Als Juwel kann die kleine gotische Kirche Imbachs im Kremstal bezeichnet werden, berühmt vor allem durch ihre alte, klangschöne Orgel. Die Imbacher nahmen darauf auf ihrem 20-Heller-Schein Bezug:

Wir schufen in Imbach eine Quelle des Lichts
Und schufen auch Geld aus dem Reiche des Nichts.
Doch was wir geschaffen wird halten und dauern
Wie unserer Kirche ehrwürdige Mauern.
(Ernst Otto Karl)

Zu den sakralen Flurdenkmälern hatte man noch starke Beziehung. Unzählige Orts- und Wegkapellen, Steinkreuze, Marterln und Bildstöcke fielen in den letzten Jahrzehnten dem Straßenbau zum Opfer, und erst die jüngste Nostalgiewelle bewirkte bei den Verantwortlichen – zaghaft zwar – ein Umdenken. 1920 aber schätzte man sie noch als Zeugen unverdorbener Volksfrömmigkeit, was in der häufigen Verwendung dieser Motive auf den Notgeldscheinen auch seinen Niederschlag fand. So zeigt Steinaweg zum Beispiel eine Bildsäule und eine Dorfkapelle, Buch bei Wolfpassing und Texing eine Wegkapelle, ebenso Dornbach, wo noch Ende des 18. Jahrhunderts Tausende Wallfahrer in Prozessionen nach Maria-Lanzendorf pilgerten.
Daß man in der eben erst geborenen Republik noch stark der Kaiserzeit verhaftet war, davon zeugen die zahlreichen Abbildungen kaiserlicher und herrschaftlicher Schlösser: Artstetten als Begräbnisstätte Franz Ferdinands und seiner Gattin Sophie, Droß, Haidershofen, Judenau, Maissau, Obergrafendorf, Oberhollabrunn, Purgstall, Sitzenberg, Strengberg, Viehofen, Wang, Weinzierl, Wolfpassing, um nur einige zu nennen. Eckartsau überschrieb das Bild des Schlosses wehmütig mit „Kaiser Karls letzter Aufenthalt in Österreich“.
Die Burgen und Schlösser entlang der Donau sind ebenso vertreten wie die des Waldviertels, der Buckligen Welt, der Thermenalpen und des Wienerwaldes. Manche sind seither verfallen oder wurden renoviert und wiederbelebt wie die Feste Liechtenstein, die Araburg und Plankenstein bei Texing, andere wieder sind in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zur Fremdenverkehrsattraktion geworden, etwa die Burgen am Kamp.

Um die Jahrhundertwende entstand zwar eine Reihe ausgezeichneter Heimatkunden und Ortschroniken, sie waren aber allein schon aus Kostengründen sehr wenig bebildert. Nur eine kleine Minderheit hatte Kenntnis von alten Ansichten auf Stichen oder Gemälden. Umso notwendiger erschien es, auch diese zum Schmuck der Notgeldzettel heranzuziehen. Ein Merian-Stich von 1627 wurde von Mannersdorf verwendet, am häufigsten aber dienten die Vischer-Stiche aus der Zeit um 1670 als Vorlagen, zum Beispiel für die Scheine von Erlaa (Kloster, 1672), Fran¬kenfels (Weißenburg), Jeutendorf (Schloß, 1672), Maissau, Rainberg, Wang. Die Gemeinde Sparbach nahm Waldmüllers berühmtes Gemälde „Rückkehr von der Kirchweih“ als Vorlage, weil es ein Motiv aus Sparbach zeigt.

Loosdorf erinnerte sich der Herren von Losenstein, die einst auf der Schallaburg saßen und dem Ort den Namen gaben, Neuhofen an der Ybbs bezog sich auf die Erneuerung seiner „Erb-Markt-Freyung“, und Alland rief die Tragödie von Mayerling ins Gedächtnis. Der 20-Heller-Schein der Gemeinde Straß zeigt vorne die Ruine, auf der Rückseite liest man den Vers

Nur mehr ein Rest der Mauer
Kündet von vergang’ner Zeit,
Allwo die stolzen Falkenberge
Gehaust in Ritterherrlichkeit.

Zu den Zeugnissen der Geschichte zählen auch die Denkmäler. Sie erinnern uns oder mahnen – je nachdem -an historische Taten oder besondere Leistungen unserer Väter. Kriegerische Ereignisse, egal wie sie ausgingen, gehörten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg noch zu den „Leistungen“. Das Kriegerdenkmal in Deutsch Wagram war vor der Monumentalkapelle die zweite Erinnerungsstätte an das Heldenjahr 1809, wo alljährlich am 6. Juli der Gefallenen gedacht wird, jenes von Dorf Seitenstetten steht bereits für die Opfer der Weltkriegsjahre 1914—1918. Atzenbrugg zeigt sein Schubertplätzchen, Gneixendorf hält das Beethovendenkmal und Tullnerbach das Kreßdenkmal im Bilde fest. Kirchberg am Walde und Schrems ehrten den Dichter Robert Hamerling. Die Kirchberger Scheine zeigen neben dem Geburtshaus und der Gedenkstätte auch den Dichter selbst, der in Beantwortung der Grußworte, die man ihm anläßlich der Weihe seines Denkmals in Schrems (es steht heute noch am Vereinsberg) nach Graz sandte, ein Telegramm folgenden Inhalts aufgab:

Bruderkuß Euch Landsgenossen,
Gruß Dir, teure Heimaterde.
Wie mein Bild Du trägst,
trag ich Deines in mein Herz geschlossen.

Diese Verse haben die Schremser nicht nur unter Hamerlings Büste verewigt, sondern auch auf einem Kassenschein.

Wie die Rathäuser (Amstetten, Dunkelstein, Ebreichsdorf, Gumpoldskirchen u. a.) fielen damals auch die neuen Schulen in die Kategorie der Großbauten. Fand man sie vor nicht allzu langer Zeit noch häßlich, so erscheint uns heute selbst der dürftigste Landschulbau stilvoll im Vergleich zur rein zweckbestimmten Bauweise unserer Tage. 1920 war auch Marbach an der Donau froh, trotz schwerer Zeit eine neue Volksschule erhalten zu haben. Stolz präsentierte man den Neubau auf der ersten Serie der Kassenscheine. Die Marbacher Schule ist inzwischen zu einer denkmalgeschützten Besonderheit geworden, handelt es sich doch um das Erstlingswerk des berühmten Architekten Clemens Holzmeister, der 1976 noch selbst die Fassadenrenovierung leitete.

Besonderes Augenmerk wurde auch der heimatlichen Landschaft geschenkt. So steht die Lebensader des Landes, die Donau, im Mittelpunkt der Darstellungen auf den Notgeldscheinen der Donauorte von Wallsee bis Hainburg. Maria Laach am Jauerling zeigt außer der Wallfahrtskirche und dem Heiligtum auch die Jauerlingwarte und schreibt dazu:

Wer immer auf den Jauerling gestiegen oder fuhr,
pries stets die herrliche Natur.
Allein, ob unten oder oben,
Sollst doch nur Gott, den Schöpfer, loben.

Nicht selten auch verband man auf den Bildern Ortsbild und Landschaft. Das gilt für das sanfte Hügelland des

Wienerwaldes, für die Fels- und Föhrengegend zwischen Mödling und Baden, das Kamp- und Kremstal und das übrige Waldviertel ebenso wie für das wellige Mostviertel bis hin zur Alpenlandschaft. Motive dieser Art waren besonders beliebt, hat doch zu Beginn unseres Jahrhunderts die Wanderbewegung der Romantik wieder neuen Auftrieb erhalten. Solchen Tendenzen trugen nicht nur die Gemeinden Göstling und Altenmarkt Rechnung, die auf ihren Scheinen die Steinbach- bzw. die nicht minder schöne Ysperklamm zeigen.

Das Weinviertel war in dieser Hinsicht eher benachteiligt; es konnte weder mit Gipfeln noch mit Schluchten aufwarten. Die Liebe der Weinviertier Menschen zu ihrer Heimat, den fruchtbaren Lößhügeln, Feldern und lehmigen Stadelgassen, war dennoch nicht geringer als anderswo; der 10-Heller-Schein der Gemeinde Burgschleinitz legt dafür beredtes Zeugnis ab.
Doch nicht nur „in Bildern schmuck“, auch in Versen wurde der heimatlichen Landschaft Reverenz erwiesen. Auf seinem 20-Heiler-Schein preist Rossatz die Wachau

Auf den Bergen grüne Reben,
Sonne strahlt vom Himmel blau,
Gold’nen Wein, ein frohes Leben
Hat der Herrgott uns gegeben!
Fremdling, das ist die Wachau!

und Schönau an der Triesting lobt
Ein schönes Stück Heimat Ist unser kleiner Ort.
Es bezeugen dies Träumer In Liedern und Wort.
Ihr Liebhabersammler
bewahrt’s wie ’nen Schatz.
Und reiht unser Notgeld
An den all’ersten Platz.