Für Kranke den Schwefel, für Gesunde den Wein

Für Kranke den Schwefel, für Gesunde den Wein2017-02-15T20:32:02+00:00

Hans Hagen Hottenroth

NOTGELD IN NIEDERÖSTERREICH
EIN GEBOT DER BITTREN NOT

FÜR KRANKE DEN SCHWEFEL, FÜR GESUNDE DEN WEIN

Hand aufs Herz! Geht es uns nicht allen so, daß die Freude am Besitz schöner Dinge nur halb so groß ist, solange niemand sonst davon Kenntnis hat? Die Freude will geteilt, der Schatz bewundert, man selbst beneidet sein. Das gilt für den Briefmarkensammler ebenso wie für ein Kommunalwesen, das über besondere Kulturschätze oder landschaftliche Reichtümer verfügt. Vermutlich ist das auch der insgeheime Grund vieler Gemeinden, für ihren Ort Werbung zu treiben und Gastlichkeit zu üben. Und so wie ein Ehemann gern erzählt, seine Frau nur geheiratet zu haben, weil sie so schön sei, aber daß sie ein Vermögen mitbrachte, sei auch kein Fehler —, waren Einnahmen aus dem Fremdenverkehr natürlich willkommen, zur Triebfeder wurden sie sicher erst nach und nach.

So rückten auch viele Gemeinden auf ihren Notgeldscheinen die landschaftlichen Reize in den Vordergrund (Göstling, Mitterbach, Kirchberg an der Pielach, die Wachaugemeinden u. a.), rühmten Gastfreundschaft und Güte des Weines. Allen voran Baden, das eine lange Fremdenverkehrstradition besaß. Der 20-Heller-Schein der Kurstadt trägt folgenden Werbeslogan:

Für Kranke den Schwefel,
Für Gesunde den Wein:
So kann ich ein Kurort
Für jedermann sein.

Die Mehrzahl der Gäste Badens kam aus Wien, wie überhaupt die Südbahnstrecke das Ausflugsgebiet der Wiener war.

So setzte auch Hinterbrühl auf den Wiener Gast und versuchte, den Fremdenverkehr nach den mageren Kriegsjahren wieder anzukurbeln. Man warb mit der Ruine Mödling, dem Weißen Kreuz, dem Julienturm, dem Römerturm und der Burg Liechtenstein auch auf den Notgeldscheinen.

Mit der Landschaft zu werben, wäre der Gemeinde Lunz am See wohl schwergefallen, hätte man das Projekt eines Kraftwerkes damals verwirklicht. 1920 stand die Sache noch unentschieden, wie schwer dieses Vorhaben die Bevölkerung aber getroffen hätte, davon zeugt das folgende Gedicht auf dem Notgeld dieses heute so gut besuchten Fremdenverkehrsortes:

Bald ist zu End des Berg-Sees Herrlichkeit,
Sie wird zerstört in ach schon kurzer Zeit.
Sie wird geopfert nun für Kraft und Licht,
Wärs Wunder da, wenn schier das Herz uns bricht.