Durch des Krieges Last und Schrecken

Durch des Krieges Last und Schrecken 2017-02-15T20:39:31+00:00

Hans Hagen Hottenroth

NOTGELD IN NIEDERÖSTERREICH
EIN GEBOT DER BITTREN NOT

DURCH DES KRIEGES LAST UND SCHRECKEN

Nirgendwo deutlicher als in den bunten Kassenscheinen spiegelt sich die politische Szene des Jahres 1920. Der verlorene Krieg, der Untergang der Donaumonarchie, die neue Konstellation in Europa, sie haben die politischen Gefühle der Massen aufgewühlt, die Wirtschaftskrise tat noch das Ihre hinzu, man suchte nach Sündenböcken und glaubte sie gefunden zu haben: in den Siegermächten, Generälen, Kriegsgewinnlern und den Juden. Antisemitismus und Großdeutschtum machten sich breit, der Anschlußgedanke beherrschte weite Kreise der Bevölkerung.

Wer ist’s in unserem Narrenstaat,
Der so verfahr’n den Karren hat

fragt man sich in Rossatz (10-Heller-Schein), und schon hat Vitis (20-Heller-Schein) eine Antwort auf diese Frage parat:

Es stellen jetzt die Notenpressen
Milliarden Noten her,
Doch das Volk hat nichts zu essen,
D‘ Kronen fallen immer mehr.
Gold und Silber und Brillianten
Kann man nimmermehr erfrag’n,
Das hab’n unsere Herrn Briganten
Alles schon ins Ausland trag’n.
Die Erd’n wird im Drah’n net irre,
Notenpressen, druckt nur fort,
Aber Franken, Dollar, Lire,
Denn den Goldschatz hab’n’s schon dort.

Und noch deutlicher auf dem 50-Heller-Schein dieses Ortes:

Durch des Krieges Last und Schrecken
Hab’n wir zum leb’n nix mehr,
Greifen nun zum Bettelstecken,
Fechten in der Welt umher.
Die Franzosen und die Briten
Hab’n unser Volk tyrannisiert,
Unser Landl z’samm geschnitten
Unsern Wohlstand ganz ruiniert.
Erd’n, drah‘ di‘ amol g’schwinder,
Damit die Stunde schlügt recht bald,
Wo die frechen Völkerschinder
Alle z’samm der Teufel holt.

Das waren nun Töne, die man wenig später umso lauter hören sollte. Zweifel an der Existenzfähigkeit des neuen Staates wurden wach, der Anschluß an Deutschland zum Allheilmittel erklärt, ja das Großdeutschtum zum einigenden Band sonst gegensätzlicher politischer Gruppierungen.

Wo der Strom der Nibelungen
Zwischen Rebenhängen zieht,
Ward für ew’ge Zeit gesungen
Deutscher Treue hohes Lied.
Deutsch in Lied und Tat zugleich,
Bleibe treu, Deutschösterreich!

ließ sich Senftenberg im Stil der Burschenschaftslieder vernehmen.

Die Wachau war von jeher eine Hochburg national-liberaler Gesinnung, mit dem Zentrum Krems, wo in den Jahren 1918 bis 1920 viele national orientierte Mittelschulverbindungen entstanden. Auch die Mittelschüler katholischer Provenienz pflegten zunächst dieses Gedankengut. Man zitierte Scheffel, Hamerling und andere einschlägige „völkische“ Schriftsteller, von Ottokar Kernstock zum Beispiel stammt der Spruch auf dem 10-Heller-Schein Weißenkirchens

Deutsch sein und zusammenhalten,
alles andre wird Gott walten!

Im Großdeutschtum sah man eben den Rettungsanker – und erging sich im Grunde doch nur in Deutschtümelei und Germanophobie, wie Maissau beispielsweise und Rossatz auf ihren 20- bzw. 50-Heller-Scheinen deutlich machen:

Ob wir in Not und Schmach versunken,
In blutigem Hader uns entzweit,
Uns blieb ein lichter Gottesfunken,
Der Traum der „deutschen Herrlichkeit“.
Josef Schmid

Durch die Lüfte rauscht ein Mahnen,
Immer lauter dringt’s herein:
„Reicht die Hände euch Germanen
An der Donau und am Rhein!“

Die logische Konsequenz solch wirrer Vorstellungen war der Antisemitismus. Und wenn ein kleiner Kaufmann aus Gottsdorf auf sein Notgeld schreiben lässt

Den Kassenschein, den du da siehst,
Bekommst in meiner Bude
Statt Kupfer oder Nickelgeld,
Denn dies hat längst der Jude.

so unterstreicht dies nur die gerade im Kleinbürgertum latent verborgene judenfeindliche Haltung, die nach und nach auch von der Intelligenz Besitz ergriff. Was Schönerer einst säte, begann zu keimen. Das Ernteergebnis ist uns bekannt.
So spiegelt sich, gleichsam als Momentaufnahme, in den bunten Notgeldscheinen das Jahr 1920, und man kann ruhig den Vers gelten lassen, den die Gemeinde Gars am Kamp ihrem 50-Heller-Schein mit auf den Weg gab:

In Bildern schmuck sowie in Versen
Füll ich als Notgeld Eure Börsen.
O, schätzt mich hoch in Ewigkeit:
Ich bin das Denkmal dieser Zeit!